Wilhelm von Humboldt an August Wilhelm von Schlegel, 03.01.1823
|1*| Berlin, den 3. Januar, 1823.Ew. Hochwohlgebohrnen bedürfen gewiß keiner Entschuldigung, wenn Sie mir recht oft schreiben. Nichts könnte mir angenehmer seyn, als diese belehrenden Mittheilungen über Gegenstände, die für uns beide ein gleich großes Interesse haben. Ich muß nur von meiner Seite wünschen, daß Sie nicht ermüden mögen, Sich mit meinen, noch mancher berichtigender Bestimmung erfordernden Behauptungen zu beschäftigen.
Ich beantworte Punkt für Punkt Ew. Hochwohlgeb. neuliche Bemerkungen, die ich zugleich diesem Briefe wieder beifüge.
1.
Ich bin es vollkommen zufrieden, wenn Ew. Hochwohlgebohrnen die gefalteten Hände an die Stelle der gehölten setzen wollen. Ich habe bei dieser u.
ähnlichen wörtlichen Uebersetzungen immer nur die Absicht, den Leser auf die
fremde Sitte aufmerksam zu machen. Aber gehölt ist
doch nicht genau. Denn in {añjali} liegt die
Hölung durch Zusammenlegung, oder Faltung.
2.
{yudhyate} mag an der
Stelle, welche ich citire, wohl durch „er kämpft“
übersetzt werden müssen. Ich habe das Citat aus
Forsters Gramm. p. 463. (wo keine Uebersetzung hinzugefügt
ist) genommen. In meiner dürftigen Belesenheit ist mir noch nie ein repetitives indeclinables Participium vorgekommen. Es
fehlen zwischen den beiden Wörtern vermuthlich andre, wie
Forster sogar durch einen
Strich andeutet, u. in diesen kann das Subject enthalten
seyn. Der Mangel eines Subjects hat mich zur passiven Uebersetzung bewogen. Diese aber halte ich auch
nicht für falsch. Wenn ein Verbum der 4. Conjugation bloß in der
parasmaipani <
parasmaipadi
>
Form
üblich ist, so erkennt man sein Passivum sogleich an der
entgegengesetzten Form. Wo aber beide Formen üblich sind, oder gar, wie bei
{yudh} nur die
atmanepadi, da, glaube
ich, läßt sich |2*| das passivum vom Activum |sic| nicht an der Wortform, sondern nur an
der Construction unterscheiden. Dies scheint auch
Wilkins
anzunehmen. Denn p. 394. der
Gramm. ist ihm
{budhyate} 3. pass. u. in den
Radicals p. 92. 3. act. In den 6 letzten tempora (ob ich gleich
gestehe, daß ich in diesen das Passivum nur aus den Grammatiken, nicht aus Büchern kenne) unterscheidet sich
ja das passivum nur in höchst wenigen Fällen vom Activum. Meines Erachtens ist daher das passivum vom activum u. medium (da die
parasmaipadi Form beide umfaßt) bei weitem
nicht immer im Sanskrit an der Wortform erkennbar.
Dasselbe ist häufig auch im Griechischen u. im Lateinischen, wenn man die Deponentia beachtet, der Fall. Ich würde daher auch in
einer Sanskrit Grammatik diese ganze Lehre anders
behandeln. Es Ich halte es für ganz unstatthaft, das
{ya} als Charakteristik des Passivum
anzugeben. Denn es begleitet das Passivum nur in den
ersten 4 tempora, ist auch in diesen nicht sein einziges
Merkmal, u. ist, wenn man das
{y} der 4. Conjug. mit dem Vorschlags-
{a} der ersten, deren Endungen die 4.t
annimmt, zusammenfaßt, auch Character. der 4.ten Conjug. act. u. med. Ich würde sagen: das Verbum
hat zwei Formen, für die man am besten die Indischen Namen beibehält. Das Activum kann beide annehmen, wo dann die Fälle anzugeben
sind. Das Medium u.
Activum Passivum können nur in der
andren erscheinen, u. diese Form ist also, als nothwendig u. ohne
Ausnahme gegeben geboten, ist
seine <des
Passivum>
wahre Characteristik gegen das Activum. Vom Medium unterscheidet es sich dadurch,
daß das Medium in den Wurzelveränderungen dem Activum folgt, das Passivum
dagegen diese u. diese Eigenheiten in diesen u. diesen Fällen hat. Zu diesen
letztern gehört dann das
{ya}.
In meinem Aufsatz habe ich gar nichts dagegen, wenn Ew. Hochwohlgebohrnen „er kämpft“ substituiren. Noch lieber aber wäre es mir, wenn sie |sic| nichts änderten, aber eine Anmerkung über das Passivum der 4. Conjug. u. überhaupt hinzufügten, die alsdann auch meine eben ausge-|3*|sprochene Meynung berichtigen, oder mich in derselben bestätigen würde. Ich schreibe meinem Aufsatz wirklich kein andres Verdienst zu, als solche Fragen unter denen, die sich jetzt mit Sanskrit beschäftigen, zur Sprache zu bringen.
Zugleich wünschte ich wohl, daß, wenn Ew. Hochwohlgeb. andre Beispiele vom repetit. indeclin. part. vorgekommen wären, Sie sie hinzufügten.
3.
Ich danke Ew. Hochwohlgebohrnen ungemein, daß Sie mich auf die zu große
Unbestimmtheit der Stelle:
Denn das Adverbium wird auch sonst durch den Accusativ eines
Nomens
dargestellt.
Nalas. XIII. 50. XV. 19.
aufmerksam gemacht haben. Ich bitte Sie, dieselbe auszustreichen, und folgende Abänderung aufzunehmen:
Im Griechischen, auf dessen Analogie man sich wohl mit Recht
im Sanskrit berufen kann, werden Accusative von Substantiven und Adjectiven
unverkennbar als Adverbia gebraucht. Ich erinnere deshalb nur an τάχος, τέλος,
τὴν πρώτην, τὴν ταχίστην. Im Sanskrit kommen sehr häufig {nimittaṃ} u.
{athaṃr}
{arthaṃ} also vor. Ramayana. Buch 1.
Abschn. 53. sl. 29. u. 40. a. und 22. a. Ob auch andre
Substantiva? wage ich nur darum nicht zu entscheiden, weil ich die
Behauptung in diesem Augenblick nicht mit Stellen zu belegen wüßte. Daß das
Neutrum der Adjectiva adverbialisch genommen wird, ist nichts weniger, als
ungewöhnlich. Nalas. XV. 19. Ramayana a. a. O. 2. a. 3. a. Dies Neutrum kann nun zwar
ebensowohl Nominativus, als Accusativus seyn; die adverbialische Geltung
kann aber, nach allgemeinen grammatischen Gründen, wohl nur einem Casus
obliquus zugeschrieben werden. Endlich haben viele Indische Adverbia die
Accusativendung
{am} u. von
mehreren unter diesen findet sich zugleich die von allem Casuszeichen
entblößte Form. So sind
{aniśaṃ},
{abhīkṣaṇaṃ},
{avaśyaṃ} u. a. m.
Gleichfalls adverbialisch muß, |5*| glaube ich, der Gebrauch u. s.
f.
Da die Ansicht des Accusat. als Adverb. meiner ganzen Erklärung der indeclinabeln Formen sehr wesentlich ist, so kann ich mich, da ich sie
wirklich für richtig halte, nicht entschließen, sie aufzugeben, sondern habe sie
nur näher bestimmt. Ich möchte wetten, daß ich andre Substantiva, auf gleiche Weise gebraucht, gefunden hätte, namentlich
{sukhaṃ}, da ich aber
die Stellen leider nicht angemerkt, so ist es mir unmöglich, sie anzugeben. Ew.
Hochwohlgeb. scheinen zu meynen, daß das adverbialisch
gesetzte Neutrum des Adject.
bald nominat. bald accusat. seyn
könne, je nachdem es sich auf ein Subject, oder Object beziehen solle. Allein
dieser Meynung könnte ich nicht beistimmen. Sollte ich auch wirklich Unrecht
haben, es immer für einen Accusat. zu halten, u. sollte
es vielmehr der Nominat. seyn, so könnte jener Umstand,
meines Erachtens, gar keinen Einfluß darauf haben. Denn der wesentliche
Charakter des Adverbium ist seine Indeclinabilitaet. Vermöge dieser kann es sich unmittelbar immer nur
an ein Verbum oder Adjectivum,
an ein Substantivum aber immer nur vermittelst eines
ausgelassenen Verbum oder Adjectivum beziehen anschließen. Es nimmt daher nie
die Form des nomen an, zu dem es gehört, u. kann darin,
daß das Nomen als Subject im Nominat. oder als Object im Accus. steht, keine Veranlassung finden, die seinige zu
verändern. Mir schein Will man das Adverbium unmittelbar u. ohne Ellipse, an ein
Substantivum anschließen, so bleibt nichts übrig,
als es in ein Adjectivum zu verwandeln, so wie die
Griechen es thun, εὕδον παννύχιοι, δευτεραῖος ἀφίκετο u. s. f. Mir scheinen die adverbialiter gebrauchten Neutra
der Adjectiva in allen Sprachen wirklich nur Accusative seyn zu können. Der Nominativus geht nicht füglich in eine solche Verbindung ein. Der Accusat. kann, obgleich ich dies nicht für nothwendig
halte, sogar durch eine ausgelassene Praeposition
erklärt werden. Ich habe aber jetzt nichts darüber finden können, u. weiß nicht
ob Grammatiker die Frage erhoben, u. wie |5*| entschieden haben. Sehr
für mich sprechen die Beispiele von τὴν
πρώτην, ταχίστην u. s. f.
Die Stelle
Nalas XIII. 50. b. habe ich, da sie wohl zweifelhaft scheinen kann,
ausgelassen. Ew. Hochwohlgebohrnen Auslegung u. Lesung ist sehr scharfsinnig.
Nur bleibt doch auch eine bedeutende Härte in der Construction zurück. Uebrigens
aber haben Sie
Bopp in
zwei Punkten unstreitig misverstanden. Er hat bei {tādṛgrūpaṃ} auf keine
Weise an ein avyayib͑ava
[a] gedacht. Dies setzt
immer eine wirkliche indeclinable Partikel voraus,
dergleichen ja gar nicht im Worte vorhanden ist. Er nimmt dasselbe vielmehr für
das neutrum des eines
vahuvrihi
[b]. Dann construirt er es auch gar nicht mit
{paśyāmi} zusammen, u. hat deshalb hinter tali-formaque ein Komma gesetzt. Er bezieht das adverbialisch genommene Wort vielmehr auf
{vidyotayati} u. folglich
auf das Subject dieses Verbum.
{paśyāmi} steht, nach
ihm, allein in einem Zwischensatz. Allein auch diese Construction ist sehr hart, so daß ich nicht wagen möchte, über die
Sache etwas zu entscheiden.
Ungeachtet meiner Abänderung der obigen Stelle weiß ich dennoch nicht, ob Ew.
Hochwohlgebohrnen damit übereinstimmen werden. Ich wünschte daher sehr, Sie
widmeten, bei dem Abdruck, Ihrer Meynung eine eigne Anmerkung. Nur das muß ich
wiederholen, daß weder
Bopp, als er die Behauptung im
Nalas aufstellte, noch ich, als ich sie von
da, wie das Citat zeigt, entlehnte, dabei an die Composita dachten, von denen
Wilkins p. 556. spricht.
Diese gehören zu einer ganz andern Gattung von Wörtern, da sie ihre Adverbialnatur von einem wirklichen, in ihnen
enthaltenen Indeclinabile hernehmen. Die indeclinablen Composita mit {akṣi} leitet
Wilkins allerdings von diesem letzten Substantiv ab. Allein sie könnten auch, ohne in diese Classe der Composita zu gehören,
bloß neutra der Adjectiva dreier
Endungen seyn, welche es von allen diesen Compositis
giebt, u. die
Wilson
ausdrücklich anführt. Wunderbar ist es, daß
Wilson in diesen Artikeln die Ableitung
von
{akṣa} macht, u.
diesem bei
{pratyakṣa} die Bedeutung
an organ of sense giebt, da |7*| er doch bei
dem Artikel
{akṣa} selbst diese
nicht, sondern nur the soul hat.
{akṣa} u.
{akṣi} sind
vermuthlich ursprünglich nicht unterschieden gewesen, u. ich glaube daher, man
könnte die ganze Regel
Wilkins nr. 1068. füglich
entbehren.
4.
In Anm. 36. habe ich nicht sagen wollen, daß
Nal. XXV. 3. das Verbum {arhati} stehe,
sondern mich nur auf den Grundbegriff bezogen. Es ist aber auf jeden Fall schief
ausgedrückt. Ich bitte Sie, statt der Worte:
Der Grundbegriff ist – N. 1. Abschnitt. 12. sl. 52 <an sich trägt>
die Worte zu setzen:
Der Grundbegriff des Wortes, wo es in andren grammatischen Formen vorkommt, ist: geschickt, passend, würdig zu etwas seyn. So steht es Nalas XXV. 3. u. in vielen andren Stellen. Daß das Verbum selbst in diesem Sinne bezwei gebraucht werde, bezweifle ich. Allein die durch dasselbe ausgedrückte Idee des Müssens schließt sich an diesen Grundbegriff an, u. trägt gewöhnlich auch die Spur dieses Ursprungs an sich
Dem Ende der Anmerkung bitte ich Sie (wenn Sie nemlich eine Berichtigung der Englischen Uebersetzer für der Mühe werth halten) hinzuzufügen:
In Ramayana. B. 1. Abschn. 12. sl. 52. übersetzen zwar die Englischen Uebersetzer das Verbum durch: the king is worthy. Allein die Brahmanen wollten nicht sagen, daß nur sie unwürdig wären, Land zu beherrschen. Ihre Meinung ist nur, daß dem König allein die Beherrschung der Erde zukommt. Wir, fügen sie hinzu, sind nicht im Stande Länder zu schützen.
Ich hatte die Stelle erst falsch angesehen. Die Uebersetzung hatte mir imponirt, ich sehe aber, daß ich mir nach u. nach den Respect für sie |7*| abgewöhnen muß.
5.
Die Stelle:
Er regiert zwar in der Regel – Er nimmt keine
bitte ich Ew. Hochwohlgebohrnen folgendergestalt abzuändern:
Er regiert den Casus des Verbum, nimmt keine u. s. f.
Sie haben vollkommen Recht, daß diese einzige, höchst zweifelhafte Stelle nicht
genügen kann, eine so wichtige u. auffallende Sache zu beweisen. Bei Ihrer
Erklärung bleibt mir nur der Zweifel ob in dem von Ihnen angenommenen Sinn nicht
statt {te}, nach dem
gewöhnlichen Sanskritischen Sprachgebrauch,
{tvayā} stehen müßte.
In meinem Aufsatz ist die Behauptung nicht richtig, u. es hat mir daher besser
geschienen, sie ganz wegzulassen. Auch glaube ich, mit Ihnen, da auch
Bopp, den ich befragt, mir
keine andren Stellen anzugeben weiß, nicht an diese Construction. ξυνέηκε μάχεσθαι ist
allerdings ganz Indisch. Aber es beweist mir nur um so mehr, daß der Indische
Infinitiv kein[c] eigentlicher ist. Denn auch μάχεσθαι steht hier nur, weil die Griechen sich, wie ich auch in
meinem Aufsatz einmal bemerkt habe, statt des Supinum,
häufig des Infinitivi bedienen. Die Lateiner würden hier nicht einmal das Supinum,
sondern das Gerundium gebraucht haben, wie bei
Cicero irgendwo steht
natura incitari ad servandum genus
humanum. Daß die Form in
{tuṃ} keine tempora u. kein Passivum annimmt, trennt sie für mich, als grammatische
Form, gänzlich vom eigentlichen Infinitiv.
Verbindungsfähiger nennen Sie dieselbe doch wohl nur darum, weil sie sich an
mehr Verba, als die Infinitive
andrer Sprachen, ohne Praeposition anschließen kann.
Aber dies scheint mir gerade ihre Substantivnatur zu
beweisen. Denn auch die Substant. schließen sich, ohne
Praeposition, an die Verba
der Bewegung im Accusativus an.
|8*| Mit den wenigen Worten, die ich I über Ihre Recension des Nalas gesagt habe, muß ich Ew. Hochwohlgebohrnen freilich überlassen zu thun, was Ihnen gut dünkt. Ich hatte aber geglaubt, darin gerade das Maß von dem gehalten zu haben, was Sie in Ihrer eignen Zeitschrift von Sich sagen lassen könnten. Ohne diese Rücksicht, die mich zurückhalten mußte, würde ich in einer Arbeit über diesen Gegenstand Ihrer Verdienste um das Sanskrit auf ganz andre Weise erwähnt haben.
Daß E. Hochwohlgeb. meiner Anm. 35. Ihren Beifall
schenken, freut mich ungemein. Da aber der von mir gebrauchte Ausdruck: die beiden Verba {śak} u.
{ṣah}
sehr
ungenau ist, so haben Sie die Güte statt dessen die beiden
Wurzelwörter u. s. f. drucken zu lassen, oder die Verbalformen an die Stelle der Wurzeln zu setzen.
Tausend Entschuldigungen für diesen überlangen Brief.
Ich schließe mit der Bitte, daß Ew. Hochwohlgebohrnen auch in diesem Jahre mir u. meinen wissenschaftlichen Beschäftigungen Ihren freundschaftlichen Antheil schenken mögen, u. verbleibe mit den hochachtungsvollsten Gesinnungen u. den besten WünschenEw. Hochwohlgeb.
ergebenster,
Humboldt
Meinen Bruder erwarte ich heute Abend. Er wird
kaum 3 Wochen hier bleiben.