Wilhelm von Humboldt an August Wilhelm von Schlegel, 18.09.1826
|1*|[a] Ich habe Ew. Hochwohlgebornen beide
Hefte der Indischen Bibliothek erhalten, und säume
keinen Augenblick, Ihnen meinen wärmsten Dank für das große Vergnügen, und die
mannigfaltige Belehrung abzustatten, welche mir diese reichhaltigen Hefte
gewährt haben. Zu gleicher Zeit ist mir die französische Kritik
im Journal Asiatique zugekommen, die mich
durch die guten Einfälle, die
Remusat glücklicherweise nicht vertilgt hat, sehr
belustigt hat. Ich habe auch lachen müssen, daß Sie mir vorwerfen, mit
Langlois zu glimpflich
umzugehen. Ich war, wie Sie, überzeugt, daß er in der Stelle grobe Unwissenheit
über die Declinationen sogar verrieth, aber es ist meine Art so, dergleichen
Blößen lieber mit dem Mantel der Liebe zuzudecken. Bei andren aber tadle ich das
entgegengesetzte Verfahren im geringsten nicht. Für den sehr genauen Abdruck
meiner Bemerkungen bin ich Ihnen ausnehmend
verbunden. Aber für Ihre Zugaben kann ich Ihnen nicht genug danken. Sie geben
erst dem Ganzen Interesse und Werth, und so leicht und hübsch sie nur
hingeworfen scheinen, so liegt in ihnen, außer den originellen u. scharfsinnigen
Ansichten, Fülle der Gelehrsamkeit und Belesenheit. Gleich
der <die>
erste über den Vyâsas stellt die Sache in den richtigen Gesichtspunkt.
Ich bin ganz Ihrer Meinung, daß dies kein Name eines Individuums, sondern ein
wirklicher Collectivname ist. |2*| Die von Ihnen S. 339. angegriffene
etymologische Behauptung gebe ich Ew. Hochwohlgebornen vollkommen Preis. Es
erschien mir nichts Zweifelhaftes dabei, und so schrieb ich sie zu flüchtig hin.
Sie haben sehr richtig gezeigt, daß sie allerdings Bedenken, und wichtige hat.
Nur will mich die Ableitung von
μῆτις von
µάομαι auch nicht überzeugen, und daß das
τ hier nicht radical sey,
möchte ich auch noch nicht zugeben, so wenig ich bestreite, daß es eine
Griechische Endung
-τις giebt. In einem andren Punkt aber kann ich meine
Meinung nicht der Ew. Hochwohlgebornen unterordnen, nemlich in dem was wir beide
über die Bedeutung der psychologischen Ausdrücke und Ihrer der
Uebersetzung derselben sagen. Es ist allerdings richtig, daß der gewöhnliche
lebendige Gebrauch diese Wörter wohl vermischt und nicht immer in bestimmten
Gränzen festhält, aber der philosophische thut das Letztere, und die
Gítá scheint mir ebenso wohl wie
ein
Platonisches Gespräch oder ein Buch des
Aristoteles, ein
metaphysischer Aufsatz, wenn man ein Gedicht so nennen könnte. In der Zeit u.
unter dem Volke, wo diese Episode entstand, war dies die Form des
philosophischen Vortrags. Ich glaube auch nicht, daß man im
Manus u. der
Gítá Eine Stelle finden wird, wo diese
Ausdrücke von ihrer philosophisch einmal gestempelten Bedeutung abgiengen. Gewiß
fordre ich nun nicht von einem Uebersetzer, u. habe es deutlich gesagt, daß er
für jeden dieser Ausdrücke einen bestimmten präge, und nie einen andren dafür
gebrauche. Ich halte es besonders im Lateinischen sogar für unmöglich, das |3*| durchzuführen. Aber zu wünschen wäre bei Uebersetzung eines
metaphysischen Gedichts eine solche Gleichförmigkeit allerdings, und die
Abweichung davon darf, dünkt mich, nur Ausnahme seyn. Gerade in den Zugaben, in
welchen Ew. Hochwohlgebornen hierüber sprechen, kommen aber zugleich sehr schöne
u. schlagende Bemerkungen und einige herrliche Etymologieen vor. – Auf meine
hingewagte Meinung über
vijnana[b] lege ich durchaus kein Gewicht. Allein gegen Ihre Erklärung
hätte ich noch Vieles einzuwenden. Die Stelle des
Amara
Kosha
ist
allerdings sehr wichtig; könnte aber nicht
vijnana[c] eine doppelte Bedeutung gehabt haben,
eine esoterische u. exoterische,
u. spricht nicht das Wörterbuch nur von dieser, so wie
E. Hochwohlgebornen auch anführen, daß die psychologischen Ausdrücke darin nicht
tief philosophisch geschieden werden? Mir will gerade in die fünf Stellen des
Gedichts die Annahme, daß da von menschlichen Wissenschaften die Rede sey, gar
nicht passen. Ihnen scheint
vijnana[d] untergeordnet, weil es in den fünf Stellen einmal mit
sa, u. einmal mit
sahita verbunden
ist; dreimal folgt es bloß auf
jnana[e]. Ich gestehe aber, daß mir dies gar nicht zu beweisen
scheint, daß
vijnana[f] etwas mehr Untergeordnetes bedeute. Daß
vijnana[g] nicht vorausgeht liegt
darin, daß es mit einer Praeposition verbunden ist, wo
man dann natürlich mit dem allgemeinen Begriff anhebt. Unter den fünf Stellen
scheint mir
die <Ihre>
Bedeutung nur auf
Eine allenfalls zu passen, nemlich auf XVIII. 42. Auf III. 41. wo Sie auch
vijnanam[h] durch judicium übersetzen, schon weniger gut. VI. 8.
übersetzen Sie es, und ich glaube sehr mit Recht, durch cognitio. Es wird da dem Yogi zugeschrieben.
Die Brahmanen waren allerdings die Aufbewah-|4*|rer aller Wissenschaft.
Sollte das aber auch für die Vertieften gelten, und gerade im Augenblick ihrer
Vertiefung, von dem da die Rede ist? Am deutlichsten aber scheinen mir die
beiden noch übrigen Stellen zu beweisen, daß
vijnanam[i] auch metaphysisch religiöse
Erkenntniß der Gottheit ist. In beiden heißt es, daß Krischnas nun dem Arjunas
jnanam[j] u.
vijnanam[k] offenbaren will. Dies futurum geht sichtbar nicht auf eine künftige Zeit,
sondern auf den Augenblick des Gesprächs selbst, u. wie der Gott nun kund macht,
was er verheißen hat, spricht er nur von sich u. der Gottheit überhaupt,
durchaus von nichts Menschlichem. VII. 2. heißt es: dieses
jnanam[l] u.
vijnanam[m] u. was vorausgegangen ist, worauf sich aber diese
Erkenntniß bezieht, ist der Begriff der Gottheit. IX. 1. erhalten beide diese
Erkenntnisse das Beiwort der geheimsten. In beiden Stellen folgt eine mit
besondrer Weihe vorgetragene heilige Lehre. Würden VII. 2. unter
vijnánam[n] alle
Wissenschaften verstanden, so wäre der Zusatz, daß nun nichts Wissenswürdiges
übrigbleibe, wirklich sehr müßig. Denn wie will etwas übrig bleiben, wenn alles
schon zusammengefaßt ist? Dieser Zusatz aber hat eine hohe Kraft, wenn jene
Worte nur die heilige Lehre umfassen; neben ihr, heißt es dann, bleibt nichts
mehr, das wissenswürdig, übrig. In ähnlichen Stellen der Bibel heißt diese Lehre, die Summe aller Erkenntniß. Nur so, u.
dies wäre vielleicht ein passender Ausweg, könnte ich
Amara Sinhas Erklärung hier passend
finden, daß Krischnas sagte, ich will dir erklären was
alle heilige u. profane Wissenschaft in sich faßt, damit
aber doch nur die heilige Lehre meinte, u. gleichsam die profane gegen sie fallen ließe. Allein daß er meinen sollte, der Yogi sollte jene profanen
Wissenschaften treiben, u. so alles Wissen in sich vereinigen, kommt mir sowohl
den einzelnen Stellen, als dem Geist des ganzen Gedichts unangemessen vor. –
Unter eine der |5*| bekannten Schulen die
Bh. G. zu bringen, ist gewiß nicht meine
Absicht. Indeß ist nicht zu läugnen, daß das Daseyn solcher Schulen schon aus
dem Gedicht selbst hervorgeht, u. daß die Lehre desselben im Ganzen mit dem übereinkommt, was nachher
Patanjalis Yoga
System hieß. – Auf
die Titel der Abschnitte gebe ich gleichfalls nicht[o] u. habe sie nur angeführt um
Langlois mit
seinen eignen Argumenten zu widerlegen. – Daß in der
Bh. G. das sinnliche Princip der Erkenntniß,
wie Sie sagen, oder das irdische des Daseyns, wie ich es ausgedrückt habe,
gänzlich aufgehoben werde[p], scheint mir nicht. Allerdings giebt es Stellen in ihr,
welche die sinnliche Welt fast nur als einen Schein
der Maya darstellen. Allein ein so entschiedner
Idealismus, wie man ihn sonst wohl der Indischen Philosophie beilegt, ist in dem
Gedicht nicht ausgesprochen, wie es mir wenigstens vorkommt. – Daß Sie einzelne
Stellen des Commentars haben abdrucken lassen, hat mich
außerordentlich gefreut. Wie herrlich wäre es, wenn man einen ganzen Commentar
mit so göttlicher Correctheit u. Deutlichkeit gedruckt besäße! – Der übrige
Inhalt Ihrer beiden Hefte ist durchaus interessant, u. einige Aufsätze müssen
von jedem als vollendet u. meisterhaft
in <auch>
in der Form erkannt
werden. Am meisten angezogen haben mich die grammatischen u. etymologischen
Untersuchungen im 3t Heft.
Man kann damit nur die besten Aufsätze des verstorbnen
Wolf vergleichen, aber die Ihrigen
haben den unbestreitbaren Vorzug, daß sie mit wichtigen Resultaten schließen, da
sich die seinigen meist in ungelöst bleibende Zweifel verliefen. – Ich räume
vollkommen ein, daß, wie Ew. Hochwohlgebornen sagen,
s im Sanskrit der
Charakter des männlichen Nominativs ist. Allein ich
freue mich zu sehen, daß Sie, wo Sie verbundne Worte drucken lassen, den Nominativ mit
h (: ḥ)
endigen. Ich bin schon lange darüber mit
Bopp in Streit, daß er auch im Devanagari |6*| Druck <in seiner Grammatik in den Paradigmen> den Singularis u. Pluralis immer mit {s}
endigen läßt. Es scheint mir dies durchaus unstatthaft, da, wo das Wort allein
steht, : ḥ schließen muß. Wie die
Sprache heute liegt, müßte auf das
{s} ein surder Buchstabe folgen. Für den Anfänger entsteht auch
die Undeutlichkeit, daß er die wirklich mit radicalem
{s} endenden Worte nicht zu unterscheiden weiß. Sie reden bei dem
Nominativ s mit Recht von einer vorgeschichtlichen
Zeit. In der heutigen Sprache läßt sich nicht einmal sagen, daß die
Charakteristik des Nominativs
{s} ist. Diese
Charakteristik ist, wenn das Wort allein steht : ḥ, wenn es verbunden ist, einer der Laute, die dann
eintreten können, also allgemein : ḥ ein Hauch- Zisch- oder r-Laut. Denn Sie
nehmen doch auch wohl an, daß wenn das
Visarga vor einem Vocal wegfällt, doch ein Hauch (eine Art Digamma) die beiden Vocale, die sonst
zusammenlaufen würden, aus einander hält. Der Hauch wird nur bis zur bloßen
Pause gemildert. – Ueber das
anuswara kann ich auch
Bopp nicht beistimmen, daß es bloß ein
Zeichen, u. also orthographisch ist. Ich halte es für eine eigne Modification
des Nasenlautes, u. hierin ist
Bopp geneigt, mir nachzugeben. – Bei diesen Untersuchungen
fällt mir ein, daß ich mich oft gefragt habe, ob die Lehre des
Sandhi wohl als eine Frucht des
sich verfeinernden Wohlklangs anzusehen ist, oder schon der ursprünglichen
Sprache angehört haben mag? Ich glaube das Letztere. Rohe Völker sind viel
eigner in Behandlung der Laute, als cultivirte. In allen Indischen Sprachen,
obgleich man die Nationen jetzt wohl roh nennen muß, auch in den von dem Sanskrit weit abweichenden, wie in der Telinga, herrscht eine solche Lehre, u. das Volk
versteht den nicht, der sie nicht anwendet. Auch in Amerikanischen Sprachen sind
Spuren davon. Diese Völker trennen auch noch viel weniger die Wörter in Gedanken
ab, u. behandeln eine ganze Redensart wie Ein Wort. Der Gebrauch der Schrift
nimmt davon hinweg, wie man im Griechischen deutlich sieht. – Die Sprachen ohne
Declination haben den guten
Mannert zu einem großen Verstoß verführt, vor dem ihn
die Lehre der Accente, wenn er sie wüßte, bewahrt haben
würde. |7*| Im
Diodor[q] kommt ein Iberischer König Orissôn indeclinabel vor,
u. den hat er für den Genitiv eines Volksnamens
gehalten. So paradiren auf vielen Karten Orisser, die es nie gegeben hat. Ich habe es in der
Schrift über die Urbewohner Hispaniens gerügt. –
H. Schilling von Canstadt verdanke ich es, daß ich
wenigstens etwas von ta hio gelesen habe. Ich besitze
seine beiden lithographirten
[r] Chinesischen Schriften[s] durch meinen
Bruder. Zu den Sloken wünsche ich von
Herzen Glück. Es sind wohl die ersten, diesseits des Meeres gemachten. – Daß Ew.
Hochwohlgebornen den
anonymen B französischen Brief p. 186. so viel ausführlicher u. gründlicher beantwortet haben, als er es verdiente, werden Ihnen die
Leser Dank wissen. Ihre Antwort enthält triftige u. neue Wahrheiten. Ich
besonders bin Ihnen für die freundliche Erwähnung meines Namens darin sehr
verbunden.
Humboldt
Tegel, den 18. September, 1826.
|8* vacat|
Fußnoten
- a |Editor| Oben rechts in Schlegels Handschrift: vom 18ten Sept. 26.
- b |Editor| Leitzmann S. 206: wijnâna.
- c |Editor| Leitzmann S. 206: wijnâna.
- d |Editor| Leitzmann S. 206: wijnâna.
- e |Editor| Leitzmann S. 206: jnâna.
- f |Editor| Leitzmann S. 206: wijnâna.
- g |Editor| Leitzmann S. 206: wijnâna.
- h |Editor| Leitzmann S. 207: wijnânaṇ.
- i |Editor| Leitzmann S. 207: wijnânaṇ.
- j |Editor| Leitzmann S. 207: jnânaṇ.
- k |Editor| Leitzmann S. 207: wijnânaṇ.
- l |Editor| Leitzmann S. 207: jnânaṇ.
- m |Editor| Leitzmann S. 207: wijnânaṇ.
- n |Editor| Leitzmann S. 207: wijnânaṇ.
- o |Editor| Leitzmann S. 208: nichts.
- p |Editor| Leitzmann S. 208: werden.
- q |Editor| Gemeint ist hier vermutlich die Universalgeschichte des antiken griech. Geschichtschreibers Diodor: Βιβλιοθήκη Ἱστορική (lat. Diodori Siculi Bibliotheca historica).
- r |Editor| Leitzmann S. 210: lithographischen.
- s |Editor| Siehe Pawel Lwowitsch Schilling von Cannstatt (Hrsg.): Ta-Hio. Het eerste boek der moraal van Confucius (St. Petersburg 1823) und Tchong Yong. Het tweede boek der moraal van Confucius (St. Petersburg 1823).