Wilhelm von Humboldt an August Wilhelm von Schlegel, 16.06.1829
[a] Ew Hochwohlgebohren haben mich durch Ihren ausführlichen, inhaltreichen und vertraulichen Brief vom 20ten v. Mts aufs höchste erfreut. Wenn ich lange schwieg, so geschah es nur, weil ich Ihre Zeit und Ihre Arbeiten ehrte, und weil es mir oft an Muße gebricht, was dem, der nicht weiß, daß ich sehr langsam arbeite, unbegreiflich scheinen muß.
Ihren Ramayana habe ich noch
ebensowenig als Ihren Hitopadesa. Ich statte Ihnen aber im Voraus meinen
herzlichsten Dank dafür ab. Auch wissen Sie schon, wie ich über den ersteren
urtheile, und ich bin überzeugt, daß ich den letzteren mit gleich dankbarer
Bewunderung studiren werde. Nach |Humboldt| Ihrer |
Schreiber|
Schilderung in den Prolegomenen ist freilich der Zustand
der Handschriften des
Ramayana so, daß er es dem Herausgeber
unmöglich macht, nicht eine gewisse Willkühr auszuüben. Bei den Griechischen und
Römischen Handschriften ist man in diesem Punkte besser daran. Eine solche
Willkühr werden manche in der Aufnahme der schlüpfrigen Scenen finden. Ich
vertraue aber dem kritischen Alterthumsgefühl Ew Hochwohlgebohren. Sie erwerben
sich ein unsterbliches Verdienst durch diese Ausgabe, und gewiß werden wir Ihnen
noch andere künftig verdanken. Dabei fällt mir die Staatszeitung ein. Ich kannte den Artikel nicht, von dem Ew
Hochwohlgebohren reden. Ich muß mich doch nach dem Verfasser erkundigen. Auch
neulich hatte sie einen wunderbaren Artikel, den mir der
Herausgeber
eigen zuschickte, von
Klaproth gegen
Champollion. Es ist wunderbar genug, ein
solches Cartel in einer deutschen politischen Zeitung
seinem französischen Gegner übers Meer nach Aegypten nachzuschicken.
Daß Ew Hochwohlgebohren, mit meinem Englischen Aufsatz
(der aber übrigens nicht mein Englischer, sondern eine von
Babington gemachte Uebersetzung meines
Französischen ist) nicht unzufrieden sind, ist mir sehr angenehm gewesen.
Besonders aber freut es mich, daß ich, nach Ihrem Zeugniß, nun annehmen kann,
daß sich nur Ein Angelsächsisches Wort unter die von mir als Romanisch
aufgeführten eingeschlichen hat. Ich hatte, als ich diese Wörter in
diesem sehr eilig und ohne alle Bücher gemachten Aufsatz niederschrieb, die
Angst, daß ich in mehreren Unrecht haben könnte. |Humboldt| timme |
Schreiber| war mir wirklich
unbekannt. Mir fiel nur auf, daß |
Humboldt| time |
Schreiber| und
|
Humboldt| Zeit |
Schreiber| nicht zusammenhängen, aber
ich hätte bedenken sollen, daß eine Ableitung von |
Humboldt| tempus |
Schreiber| fast noch unmöglicher ist. Sollten Sie aber glauben, daß der ehrwürdige
Colebrooke aus Güte für mich die
Correctur übernommen, und
Rosen davon zurückgehalten, und nun
geduldet hat, daß die einzigen zwei Sanskrit-Wörter so
gräßlich verdruckt worden sind. Ich
|
Humboldt|
begriff |
Schreiber| nicht, daß mich alle
schützenden Sanskritgeister auch bei dem flüchtigsten
Schreiben sollten bis auf diesen Grad haben verlassen können. Die Unschuld
meiner Urschrift ist aber ganz diplomatisch constatirt worden.
Eine so wichtige Autorität, als Sie sind, für meine Behauptung über die Worttrennung im Sanskrit zu entbehren, thut mir ungemein leid, allein ich sah es voraus, und nenne Sie darum gewiß nicht eigensinnig. Eine Beruhigung gewährt es mir indeß, daß unter den Einwendungen, die Ihr Brief aufstellt, keine ist, die ich nicht mir selbst gemacht, und mit in meine Berechnung aufgenommen hätte. Da ich niemals die Schranken meiner Kenntnisse aus den Augen verliere, so schreckt mich immer am meisten der Gedanke, daß ein gar nicht von mir geahndetes Moment mir entgegentreten könnte. Bedauert aber habe ich, daß Sie in Ihrem Briefe gar nicht auf diejenigen Gründe eingehen, auf die ich sichtbar mich am meisten stütze, und über einiges Factische, worüber mir Ihr Urtheil so höchst wichtig wäre, Ihre Meinung gar nicht äußern namentlich nicht über den Unterschied der Behandlung der dumpfen Consonanten vor Vocalen in der Mitte und am Ende der Wörter, und über die syllabische Natur des Devanagari Alphabets und die Bestimmung der sogenannten Mittelvocale. Erlauben mir jetzt Ew Hochwohlgebohren einige Bemerkungen zu den in Ihren |sic| Briefe enthaltenen Einwendungen.
Sie werfen mir vor, daß mein Vorschlag das uralte, zum Theil vorhistorische Herkommen ummodelt, und tadeln dies. Dagegen möchte ich zweierlei erinnern.
1. Das uralte Herkommen der Sanskrit-Schreibung,
wenigstens das älteste uns bekannte, ist die durchgängige Theilung aller Sylben
ohne alle Zusammenziehung inniger Art. So druckt man, soviel ich
weiß, jetzt nirgends.
|Humboldt|
Alle |
Schreiber| jetzigen Schreibungen
trifft also derselbe Vorwurf, den Sie mir machen. Die Schreibung, der Sie noch
in der
Bhagavad Gita folgten, ist ja gar nicht
Indisch, sondern Englisch, und erreicht höchstens ein Alter von 50 Jahren. Die,
welche Sie jetzt annehmen, ist sogar neuer, als meine Neuerung, und entfernt
sich eben so weit vom uralten Herkommen. Denn nichts kann diesem mehr entgegen
seyn, als, wie in |
Humboldt|
{tān}
{api} |
Schreiber| z. B., den Vocal von dem
vor ihm unmittelbar vorhergehenden Consonanten zu trennen. Der Unterschied liegt
freylich nur, wie Ew Hochwohlgebohren scherzhaft sagen, in etwas weißem Papier.
Aber dieselbe Rechtfertigung kann auch ich brauchen, wenn Sie mir nur etwas mehr
dieses Materials zugestehen. Da wir uns mithin alle von jenem Herkommen
entfernen, so ist die Discussion immer nur, was man thun
muß, um nicht diesseits des Nothwendigen stehen zu bleiben, oder über das
Erlaubte hinauszugehen? und diese Discussion habe ich
versuchen wollen.
2., Es ist eine ausgemachte Thatsache, daß die Griechen noch sehr spät hin im
Schreiben die Wörter nicht getrennt haben: interessant, aber schwierig zu
bestimmen mögte |sic| es dagegen sein, die wahren Epochen genau zu fixiren,
und aufzufinden, warum es bisweilen geschehen und nicht geschehen ist? Denn auf
Großgriechischen Vasen ist |Humboldt| ὁ παῖς καλὸς |
Schreiber| bald fortlaufend geschrieben, bald nicht. Ich habe in
meinem Aufsatz im
Journal Asiatique die ersten Herausgeber der
Griechen darum gelobt, daß sie von dieser Sitte der Handschriften abgegangen
sind. Wollten Sie im Ernst Ihnen dies Lob entziehen? Wollten Sie zum alten
Herkommen zurückkehren, ja nur wünschen man hätte es dabei gelassen?
|Humboldt| Volney’s |
Schreiber| Methode kann hier gar nicht in Vergleichung kommen. Sie
greift |
Humboldt| ins
Innerste |
Schreiber| der Sprache ein,
was das Zusammenschreiben oder Trennen der Wörter gar nicht thut. Jene Methode
ist für praktische Zwecke, wo man nur mit einer Sprache zu thun hat, und es auf
keine wissenschaftliche |
Humboldt| ἀκρίβεια |
Schreiber| ankommt, gewiß
sehr brauchbar. Als philologisches Mittel hat sie, außer einer Schaar andrer
Gründe, das gegen sich, daß jeder Buchstabe zwar zu einer Klasse gehört, aber
selbst ein Individuum ist, und wieder nur durch ein Individuum bezeichnet werden
kann, es auch so viele Individuen dieser Art giebt, daß ein irgend allgemeines
Alphabet, womit ich mich oft beschäftigt, Hunderte von Buchstaben
brauchen würde. Ein eingeborner
Cherokee hat daher mit vollem Recht vor
einiger Zeit, mit Wegwerfung unsrer Buchstaben, ein eigenes
Alphabet erfunden, und seine ganze Nation ist ihm so einstimmig
beigefallen, daß die Missionarien selbst genöthigt worden sind, dies (übrigens
zum Theil syllabische) Alphabet anzunehmen. Man hat jetzt eine mit demselben
gedruckte Zeitung.
Von allem diesem findet, wie Ew Hochwohlgebohren mir gewiß Recht geben werden, gar nichts auf die Worttrennung Anwendung.
Ew Hochwohlgebohren sagen ferner: Ist es wirklich eine allgemeine historische Thatsache, daß in allen gebildeten Sprachen eine große Sorgfalt auf die Worttrennung gewendet worden sei? und da Sie nun von der Worttrennung im Schreiben reden, so scheint es, als habe ich irgendwo behauptet, alle gebildeten Nationen hätten im Schreiben die Wörter getrennt.
Dies aber habe ich nie gethan, da mir sehr wohl, wie namentlich die vorhin berührte Stelle meines Aufsatzes im Journal Asiatique beweißt |sic|, die Unrichtigkeit einer solchen Behauptung in solcher Allgemeinheit bekannt war.
Vermuthlich haben Ew Hochwohlgebohren S. 582 meines
Aufsatzes von den Worten Obgleich die
Rede |Humboldt| bis |
Schreiber| um so nothwendiger, vor Augen
gehabt. Ich bedaure, daß Sie gerade diese Stelle nicht mehr
|
Humboldt|
beachtet |
Schreiber| haben, da sie
meiner Ansicht nach, etwas Wichtiges und vielleicht neues enthält.
Ich rede in dieser Stelle gar nicht vom Schreiben, auf das ich erst später
übergehe, sondern von dem ersten Requisit aller
regelmäßigen Grammatik, der Worttrennung durch
grammatische Mittel. Ich sage darum: „das Wort auch im
Laute sorgfältig zu umgränzen und mit Zeichen seiner Individualität zu
versehen.“ Ich meinte damit im Sanskrit namentlich den
Umstand, daß nur gewisse Consonanten ein Wort beschließen können,
|Humboldt| dann |
Schreiber| den Unterschied der Sandhi-Regeln für getrennte Wörter und
für Verbindungen von
Afficen |sic| mit dem Grundwort, endlich die
|
Humboldt|
Betonung|
Schreiber|, aber auch da
nicht das geschriebene Accentzeichen.
Ich sprach ferner nicht von allen gebildeten Nationen, sondern von denjenigen, „von welchen vollkommen organisirte Sprachen ausgegangen sind“ so daß ich an dieser Stelle nicht mit den Aegyptiern zu thun zu haben glaubte.
Das uralte Herkommen im Schreiben war, wie ich glaube, allgemein gegen die
Worttrennung. Aber ich halte es in unsrer Zeit und für uns, und besonders in
einer Sprache, deren Studium man Grund hat, eng an das
|Humboldt|
unsrer |
Schreiber| bisherigen classischen
Sprachen anzuschließen, für vernünftig und heilsam, von
|
Humboldt|
diesem |
Schreiber| uralten Herkommen
abzugehen.
Ew Hochwohlgebohren erklären sich zwar gegen alle unsre kleinen philologischen Hülfsmittel, als nur der analytischen Periode der Sprachen, nicht der schöpferischen angehörend. Gewiß setze auch ich sie nur in die erstere, halte sie aber darum nicht für weniger heilsam und nützlich, und da wir, wenn wir sie plötzlich wegwerfen, darum doch nicht schöpferischer werden würden, für ganz unschädlich. Wenn es mir erlaubt ist zu sagen, so scheinen mir diese Einwendungen zu allgemein zu seyn, und zu viel zu beweisen. Die Alten, sagen Sie, haben, ohne jene Hülfsmittel, vortrefflich recitirt u. s. f. sie haben aber auch ohne Glasscheiben studirt und gemalt. Wollen wir darum unsere Glasscheiben entzwei schlagen?
Ich sage dies Alles nur vorzüglich, weil ich wünschte Ew Hochwohlgebohren
Aufmerksamkeit auf das wahre Fundament meiner Theorie
und meine eigentlichen Argumente zu richten. Sie stehen |Humboldt| S. |
Schreiber| 582.–584. dann in unmittelbarer Anwendung auf das Sanskrit |
Humboldt|
S. |
Schreiber| 586–589.
Die
Wolfischen
Worttrennungen sind Ew Hochwohlgebohren widerwärtig. Aber
Wolf und der ihm hierin vorangegangene,
so vorsichtige |Humboldt| Reiz |
Schreiber|
sind große Autoritäten. Ueber die Einwendung, daß nur Consonanten, die nicht
|
Humboldt|
Finalbuchstaben |
Schreiber| sind,
Wörter beschließen, werde ich mich gleich erklären.
Wahre particulas |Humboldt| encliticas |
Schreiber| hört man auch im Abendlande auf den Londoner Straßen, wenn das Volk ein Pronomen nach
dem Verbum ausspricht. Leute, die nicht an
|
Humboldt|
wissenschaftliche |
Schreiber|
Orthographie gewöhnt sind, schreiben auch bei uns:
bistu.
Die Erleichterung für die Schüler (so sehr ich auch selbst Erleichterung bedarf)
habe ich warlich |sic| nicht im Auge gehabt. Ich habe es im
Journ: Asiatique ausdrücklich gesagt. Aber
auch Ew Hochwohlgebohren glauben meiner Versicherung nicht, und
bekämpfen dies Argument noch. Was ich wirklich im Auge habe, steht deutlich
S. 583.
|Humboldt|
Einem |
Schreiber| Schüler
Bopps, selbst wenn er, wie doch
schwerlich der Fall sein wird, bloß
Boppische
Ausgaben und nur nach der Neuerung läse, wird es, kommt er an Handschriften,
nicht anders |
Humboldt|
ergehen |
Schreiber|, als einem
Griechischen Philologen im gleichen Fall. Seine gut
erlernten Sandhiregeln werden ihn durchbringen.
Das Bedürfniß einer Interpunction (denn jetzt giebt es in Gedichten nur mittelbar und einigermaßen eine durch die Versabtheilung) möchte ich doch nicht ganz wegläugnen. Es giebt doch auch längere Sätze, das Ende des Slokas ist nicht immer das Ende des Satzes. Fragen irren auch oft. Alles das sind bei einer zweiten Lesung keine Hindernisse, aber man wünscht doch auch bei einer ersten nicht aufgehalten zu werden. Wären indeß die Vortheile der Trennung auch nicht so groß, so scheint mir das, was man dabei aufgiebt, immer noch weniger bedeutend.
Ich bin Ew Hochwohlgebohren sehr dankbar, mir Ihr jetziges neues System
auseinandergesetzt zu haben. Wenn ich von Mangel an Consequenz sprach, so war es
nur, weil ich nicht wußte, daß Sie jetzt |Humboldt| einem |
Schreiber|
ganz andern Grundsatz, nämlich dem der Endbuchstaben, folgen.
Allein ich gestehe, daß es mir nicht einleuchten will, daß dies ein angemessener
leitender Grundsatz für das |Humboldt| Zusammenschreiben |
Schreiber| oder Trennen der Wörter ist. Die in der Sprache
liegende Regel, daß nur gewisse Buchstaben ein Wort beschließen können, gilt
doch nur vom isolirt betrachteten Worte, und enthält die nothwendige,
stillschweigende Einschränkung, wenn der Endbuchstabe des Wortes nicht durch
einen folgenden Anfangsbuchstaben eines andren afficirt wird. Man verletzt diese
Regel daher gar nicht, wenn man den geschriebenen Wörtern Endbuchstaben im Zusammenhange der Rede giebt, die sie außer |
Humboldt| demselben |
Schreiber| nicht haben können. Aus diesem Grunde haben vermuthlich auch
|
Humboldt| Reiz |
Schreiber| und
Wolf an einem schließenden δ und |
Humboldt| μ |
Schreiber| keinen
Anstoß genommen, da ihnen doch die Unfähigkeit dieser Buchstaben, Wörter zu
beschließen, nicht unbekannt sein konnte.
Sie sagen ferner, Ihr System vertheidigend: denn mit solchen Buchstaben kann ein Wort ohne Hülfe des folgenden ausgesprochen werden. Sollte es aber bei der Schrift nicht darauf ankommen, wie es, unabhängig vom Können, in der That ausgesprochen werde? und dies, so wie, ob es, mit andren Endbuchstaben, gleich mit dem folgenden Worte zu Einem zusam-menschmelze? übergehen Sie.
Ich kann mir beim Schreiben einer Sprache in Absicht der Worttrennung nur einen von folgenden zwey Zwecken denken: entweder den der Darstellung der Lautauffassung für den Verstand, oder den der Darstellung der Lautauffassung für das Ohr (die Nachahmung des mündlichen Vortrags)
Ew Hochwohlgebohren bisheriges System genügte dem letzteren. Ihr jetziges
begünstigt in verschiedenen Punkten den einen und den andren, ohne Einen ganz zu
erreichen. So werden beide zugleich verletzt; wo Sie zusammenziehen, die
intellectuelle Darstellung, wo Sie trennen, wie beim schließenden
|Humboldt|
{n} |
Schreiber| und
|
Humboldt|
nachfolgendem |
Schreiber| Vocal, die phonetische. Denn die
ganze hier sichtbar werdende Analogie zeigt, daß man den
Vocal hier in der Aussprache ebensowenig von
|
Humboldt|
{n} |
Schreiber|, als von einem
vorhergehenden |
Humboldt|
{d} |
Schreiber| trennte. Aus diesem
beständigen Zusammennehmen des Anfangsvocals mit dem vorhergehenden EndConsonanten kann ja überhaupt nur die Verwandlung der
dumpfen End-Consonanten in tönende vor Vocalen erklärt
werden. Ich läugne daher nicht, daß ich gewünscht hätte Sie wären lieber bei
Ihrer Schreibung in der |
Humboldt|
Bhagávad |
Schreiber|
Gita geblieben, die ich für richtiger halte.
Ich nahm mir die Freiheit, Ihnen das schon in Absicht des End-|
Humboldt|
{n} |
Schreiber|, als Sie in
Berlin waren, zu sagen.
Ihrem Grundsatz, daß die legitimen Endbuchstaben getrennt bleiben, folgen Sie allerdings mit voller Consequenz. Aber ich kann weder seine Geltung, noch seine Fruchtbarkeit in dieser Anwendung einsehen.
Wenn man mit der Feinheit unterscheidet, welche diese Gegenstände, wie klein sie auch sind, nun einmal fordern, so giebt es, meines Erachtens, einen dreifachen, hier in Betrachtung kommenden Zustand der Wörter:
1., den, wo sie, mit unafficirten Endbuchstaben, getrennt stehen bleiben,
2., den, wo sie zwar getrennt bleiben, d. h. nicht mit dem folgenden Wort zu Einem werden, wo aber das folgende Wort ihre Endbuchstaben afficirt,
3., den, wo sie mit dem folgenden Wort wirklich zu Einem werden.
Für die Bezeichnung des mittleren Zustandes eignet sich nun sehr gut das
Alleinstehen mit illegitimen Endbuchstaben, wie |Humboldt| καδ δε|
Schreiber|.
Sie läugnen vermuthlich jenen mittleren Zustand gänzlich ab, und nehmen überall Zusammenfließen in Ein Wort an, wo sich die Grenzbuchstaben afficiren. Sie mögen darin vollkommen Recht haben, die Sache ist doch aber einer Erwägung werth, und diese einzuleiten, habe ich S. 586. versucht.
Es thut mir leid, über diesen Gegenstand so weitläuftig gewesen zu sein. Es war
mir aber wichtig, Ihnen meine Ideen vollständig darzulegen. Irre ich, so seyn Ew
Hochwohlgebohren wenigstens überzeugt, daß es nicht aus dem Eigensinn herrührt,
eine einmal gemachte Behauptung nicht aufgeben zu wollen. Nichts kann weniger
anmaßend |Humboldt| seyn, |
Schreiber| als mein Aufsatz im Journ: Asiatique war. Nur das vornehm thuende Absprechen
des Herrn |
Humboldt| Dursch|
Schreiber|, was
von gar keiner eigentlichen Untersuchung der Sache begleitet war, hat mich
veranlaßt, den Gegenstand nun bestimmt
|
Humboldt|
auszuführen|
Schreiber|, und so gründlich
zu untersuchen, als es meine Kräfte erlaubten. Diese Untersuchung hat denn
freylich meine Ueberzeugung befestigt, neuen überwiegenden Gründen aber würde
ich ohne Bedenken nachgeben.
Das zweite Hauptthema des Briefes Ew Hochwohlgebohren ist Bopp und seine Arbeiten, und hier bitte ich Sie, was ich Ihnen darüber sagen werde, recht freundschaftlich aufzunehmen.
Ew Hochwohlgebohren erinnern Sich, daß ich, als ich Ihnen rieth, Ihre kostbare Zeit lieber kritischen Ausgaben, als einer neuen Grammatik zu widmen, gleich wünschte, Sie schrieben Bemerkungen über Bopps Grammatik. Dieser Meinung bin ich noch heute, und sehe dem Heft der Indischen Bibliothek, zu dem Sie Hoffnung machen, mit Verlangen entgegen.[b]
Von Ihren Distichen lasse ich mir daher Ihr erstes gefallen für den Preis der
Belehrung; die daraus entstehen muß. Mit dem von Herrn
Lassen kann ich ganz einverstanden
sein. Es soll Ihnen alles Gute und Ehrenvolle gebühren. Den ersten Vers kann ich
mit einem versteckten wenn verstehen. Daß der
Strafwürdige, wenn er es ist, gestraft werde, ist auch meine Meinung, und das
|Humboldt|
{paratra}
{ca} [c]
|
Schreiber| setzt mich noch mehr à mon
aise. Ihr zweites aber muß ich in der Allgemeinheit, in der es sich
ausspricht, durchaus von mir ablehnen.
Aus diesen, wenn gleich nur scherzhaften Distichen, dem Ueberdruß an den
Episoden, die wenigstens das Verdienstliche haben, wenn man ihnen, wie ich nicht
weiß, auch sonst viel Vorwürfe machen könnte, daß sie Dinge ans Licht bringen,
die bisher unzugänglich waren, und |Humboldt| dem |
Schreiber|
ganzen Ton Ihres Briefes sehe ich, oder glaube ich wenigstens eine gewisse
Bitterkeit zu sehen, die ich recht wahrhaft bedaure. Ich bin überzeugt daß Ew
Hochwohlgebohren keine Eifersucht haben, allein wenn, was Sie über Bopp schreiben wollen, nur halb die Farbe Ihres Briefes trägt, so werden Sie auch bei den am
billigsten Urtheilenden |
Humboldt|
diesem |
Schreiber| Verdacht nicht
entgehen. Daß Sie der Sache gar nichts vergeben, ist meine volle Meinung, aber
schon des Studiums des Sanskrits und seiner Beförderung
willen, sollten Sie Ihren Erinnerungen mehr die Form eines gemeinschaftlichen
Strebens nach dem gleichen Ziel, als einer Gegenschrift geben. Sie erreichen
auch dadurch eine viel größere Wirkung.
Ich stehe ganz unpartheiisch zwischen Ihnen beiden. Ich kann mich, soviel
Belehrung ich auch Ihnen |Humboldt| beiden |
Schreiber| schuldig bin, einen Schüler von keinem von Ihnen
nennen, Sie haben beide selbst meine Irrthümer und Unkenntnisse mit
|
Humboldt|
fast |
Schreiber| überhöflicher Schonung
behandelt, meine langjährige Freundschaft mit Ew Hochwohlgebohren, meine
lebhafte Zuneigung und Theilnahme an Bopp, stellt mich Ihnen beiden nahe, mir kann keine
Eifersucht beiwohnen, da ich Sie beide in diesen Studien weit über mir erkenne.
Mein Zeugniß kann mithin von keiner Seite der Partheilichkeit verdächtig
seyn.
Mein Urtheil über Bopp ist nun bestimmt folgendes.
Ich gebe vollkommen zu, daß Bopp die indischen Grammatiker nicht selbst studirt hat, und ob ich gleich, wie ich augenblicklich sagen werde, dies in ihm gerechtfertigt finde, so billige ich nicht, daß er oft zu sehr dies Studium überhaupt für nicht nothwendig erklärt. Ich thäte das schon nicht, weil grade ein solches Urtheil mit vielem Studium verbunden sein müßte, es ist aber auch gegen meine Ueberzeugung, wiewohl ich, was hier zu lang zu rechtfertigen wäre, keine so vortheilhafte Meinung von den eingeborenen Grammatikern und ihrem Formelwesen habe, als Ew Hochwohlgebohren, und die guten Griechischen für weit vorzüglicher halte.
Bopp hat sich aber über seine Methode in der Vorrede seiner Grammatik ausführlich, und freimüthig ausgesprochen, ohne daß ich darum diese Vorrede der anmaßenden Verschmähung der Grammatiker bezichtigen kann, welche Sie darin finden. Die Englischen Grammatiker hatten den Weg eingeschlagen, das Material der Sanskrit-Grammatik aus den eingeborenen Grammatiken zu entnehmen, und mehr oder minder von der ihm in ihnen anklebenden Form befreit, in mehr oder minder selbständiger Anordnung wiederzugeben. Sie haben dies gewiß im Ganzen in großer Vollständigkeit und[d] Richtigkeit ausgeführt, und wenn Bopp nicht dieselbe Arbeit noch einmal thun will, so ehrt er mehr ihr Verdienst, als er die Eingeborenen verschmäht.
Die Aufgabe aber, die er nach dem Eingange der Vorrede nun sich selbst stellt,
ist wirklich die, welche man sich beim Schreiben einer Grammatik wirklich
stellen muß, und die für das Sanskrit vorzugsweise
nöthig war, besonders wenn man den höheren Zweck hatte, |Humboldt|
indem |
Schreiber| man das Sanskrit lehrte, es zugleich so darzustellen, daß die
Vergleichung mit den verwandten Sprachen und dem Sprachtypus überhaupt dadurch
möglich und fruchtbar gemacht wurde.
Diese Aufgabe nun hat
Bopp, meinem Urtheile nach, in einem
solchen Grade gelößt |sic|, daß es meine vollkommen ernstliche Meinung ist,
daß seine Grammatik nicht nur die beste unter den
vorhandnen Sanskrit-Grammatiken ist, sondern daß ich
auch keine einer alten Sprache kenne, die ich mit ihr vergleichen möchte. Er hat
überall die in der Sprache liegende Analogie, die
Bildungsgesetze und Lautgewohnheiten aufgesucht, und Fäden angeknüpft, die oft
durch viele, bisweilen durch alle Theile der Sprache fortlaufen. Sollte er daher
auch in Einzelnem aus Panini
berichtigt werden können, sollte er selbst, was aber sehr selten der Fall sein
wird, einzelne falsche Analogien aufgestellt haben, so
wird dies immer mein Urtheil über das Verdienst seiner
Grammatik nicht wankend machen, weil dies in der Anlage liegt, in
der |Humboldt|
dann |
Schreiber| einzelne Berichtigungen
leicht |
Humboldt|
einzuschalten |
Schreiber| sind.
Wie Ew Hochwohlgebohren von
Bopp in Absicht seiner
Grammatik sagen können, daß er in Klarheit und Eleganz lange nicht
Wilkins erreicht habe, begreife ich
nicht. Vergleichen Sie doch nur das einzige Capitel vom
Sandhi. Wie ganz unvollständig |Humboldt| ist |
Schreiber| da Wilkins, wie hat er selbst das,
was er anführt, so auseinandergerissen, daß alle Analogie unkenntlich wird, wie wirft er um sich mit occasionally und generally, wo man ganz anders bestimmen kann.
Ich lasse darum
Wilkins nicht minder volle Gerechtigkeit
wiederfahren. Ich habe mein Sanskrit ganz eigentlich
|
Humboldt| zuerst aus ihm |
Schreiber| gelernt. Er ist der |
Humboldt|
lichtvollste |
Schreiber| unter den Engländern, hat
viele und leicht zugängliche Paradigmen, und enthält
großes Detail. Noch kürzlich, da ich versuchte, die Theorie der reduplicirenden
Form des 3t Praet. (die auch
bei
Bopp weder vollständig noch ganz richtig
ist) dergestalt aus der Sprache selbst zusammenzustellen, daß ich in
Forster dies Praet. in allen Wurzeln durchging, und daraus, mit
Bemerkung der Ausnahmen, die Regeln abstrahirte, habe ich gesehen, wie wenig
übersichtlich z. B. auch dies Capitel, bei aller
Ausführlichkeit, ausgearbeitet ist. Es leuchtet in die Augen, daß
Wilkins die einfachen Gesetze dieser nur
verwickelt scheinenden Bildung gar nicht eingesehen hat.
Darin, die Analogie der Sprachen, aufzufassen,
ihren |sic| Bildungsgange nachzugehen, die gleichen Fälle in
verschiedenen zu erkennen, die nur gleich scheinenden abzusondern, besitzt
Bopp, meiner Ueberzeugung nach, ein
Talent und einen Blick, in denen ich ihm jetzt niemanden, als höchstens
Grimm, an die Seite zu setzen wüßte. Die
Sprachzergliederung und die Vorarbeiten zu einer Geschichte der edelsten uns
bekannten Sprachen sind durch ihn wesentlich gefördert worden. Daß dies auch
Grimms Urtheil über ihn ist, beweisen
dessen öffentliche Aeußerungen über
|Humboldt| ihn
|
Schreiber|, so wie das, was er mir noch im vorigen Jahre
mündlich sagte. Was ich hier ausspreche, beziehe, ich auf alle Arbeiten
Bopps, nicht blos auf seine Grammatik.
Darum bin ich bei weitem nicht in allen Punkten einerlei Meinung mit Bopp. Ich weiche vielmehr in manchen bedeutend ab, und finde, daß er in der Erklärung der Affixa viel weiter geht, nicht blos als ich thun würde, sondern als man überhaupt gehen sollte. Allein auch hier ist die Bahn die er einschlägt, auch meiner Ueberzeugung nach, die richtige, und das Anhalten am rechten Punkt ist leichter, als das Eröffnen der Bahn.
Bopps Tendenz, Grammatik und Lexicon auf die wirklich vorhandenen Texte zu gründen, da die Englischen Grammatiker und Wilson nur Grammatiker und Lexicographen zu Quellen haben, muß ich auch billigen. Es wäre doch die wahre Methode, wie auch Wilson zugesteht, wenn man mehr und ganz berichtigte Texte hätte, deren Mangel man allein dieser Methode zum Vorwurf machen kann. Soll man aber darum die ganze Methode aufgeben? oder ihre Anwendung ins Unbestimmte hin aufschieben? man |sic| besitzt doch schon viel, und alles ist doch nicht kritisch ungenau. Auch ergiebt sich aus dem von Bopp ziemlich zuerst versuchten Verfahren das sehr merkwürdige Factum, daß die Grammatiker eine große Zahl Wurzeln und Formen mehr haben, als die uns jetzt am meisten bekannten Texte.
Indeß würde ich niemals dafür sein, dies
zu weit zu treiben, und den überschießenden Theil nicht gleich gründlich zu
studiren. Wie Sie aus meinem Briefe an
Herrn Lassen
gesehen haben werden, hat es |Humboldt| mir |
Schreiber| nur
geschienen, daß man daran Epochen in der Sprache erkennen könne. Wenn ich in
jenem Briefe den Veda
Dialect als |
Humboldt| ausgeschlossen |
Schreiber| von
Paninis Gebiet ansah, so verkannte
ich darum nicht, daß er hier und da seiner Erwähnung thut. Ich meinte nur, daß
er doch die Veda-Eigenthümlichkeiten (wie z. B. das
tempus let) nicht vollständig giebt.
Beim Studium
Paninis darf man auch wohl nicht
vergessen, daß man in ihm nur Eine, wenn gleich die berühmteste Schule hat. Man
müßte die andern doch auch studiren. Nach den Beispielen, die in |Humboldt| Carey |
Schreiber|
zerstreut liegen, scheint zwar der Unterschied zwischen
Vopadesa[e]
und
Panini hauptsächlich nur in der Terminologie zu bestehen.
Ew Hochwohlgebohren reden von
Bopps Künsteleien mit den
Personalendungen. Ich weiß nicht, worauf Sie das beziehen. Regel 299. der
Gramm: giebt er die einfache Tafel. Seine
Ableitungen schiebt er wirklich r. 298. in eine
Anmerkung, und |Humboldt| wer |
Schreiber|
diese ganze Regel überschlagen will, kann es ja ohne Umstände thun. Meine
Meinung ist übrigens, daß allerdings
Bopp Recht hat, daß Pronomina unter den Personalendungen stecken,
daß sich aber nur wenige aufzeigen lassen, und daß in dem Zustand, wie wir die
Sprache überliefert erhalten haben, keine |
Humboldt| Endung |
Schreiber| die ist, welche |
Humboldt|
sie |
Schreiber| ist, weil sie dieses oder jenes
Pronomen enthält, sondern weil sie |
Humboldt| im |
Schreiber|
Schema aller Personen auf eine, mit keiner andern zu verwechselnde Weise, die
ihr angewiesene bestimmte Stelle einnimmt. Dadurch ist hauptsächlich das Sanskrit (mit den verwandten, wie ich glaube, einzig
unter allen Sprachen) eine durchaus flectirte, ganz von Form durchdrungene.
Das Schreiben aller Wurzeln mit |Humboldt|
{n} |
Schreiber| billige ich auch nicht,
und hatte eben, ehe ich Ihren Brief erhielt,
Bopp darüber bei Gelegenheit seiner
lateinischen Grammatik geschrieben, ohne bis jetzt
Antwort zu haben. Wenn, wie er annimmt, die Grammatiker bei dem Schreiben mit
|
Humboldt|
{ṇ} |
Schreiber| bloß den Grund gehabt
hätten, bemerklich zu machen, daß das |
Humboldt|
{n} |
Schreiber| in den bekannten Fällen
verwandelt wird, so würde ich
Bopp beipflichten. Das ist aber nicht
allein zweifelhaft, sondern erwiesen unrichtig. Denn man schreibt, nach
Bopp selbst, |
Humboldt|
{praṇudati} |
Schreiber| und |
Humboldt|
{praṇedus}
und |
Schreiber| doch steht, nach den Grammatikern,
in
Carey’s und
Wilkins Wurzeln |
Humboldt|
{ṇud} |
Schreiber| und |
Humboldt|
{nad} |
Schreiber|. Es muß also einen andern
Grund gehabt haben, und dann geht durch die allgemeine Schreibung
mit |
Humboldt|
{n} |
Schreiber| eine, wenn gleich dunkle
Thatsache verloren, was nicht sein darf.
Liegt aber die Sache vielleicht noch anders? Ew Hochwohlgebohren nennen es einen
Irrthum, daß das |Humboldt|
{n} |
Schreiber| zu Anfange der
Wurzeln durchgehends verwandelbar sey. Meinen Sie damit, daß die Regel der
Verwandlung des dentalen nasalen in den cerebralen nach |
Humboldt|
{pra} |
Schreiber|, |
Humboldt|
{pari} |
Schreiber| und |
Humboldt|
{parā} |
Schreiber| nicht allgemein sey, und
ist es falsch, daß bei
Bopp im Nalus |
Humboldt|
{nad} |
Schreiber| wie oben geschrieben
ist, dann werden die Folgerungen allerdings verschieden. Dann wäre der
Wurzelanlaut bei den Grammatikern doch nur zum Zweck, diese Ausnahmen anzuzeigen
da, und daß man die Wurzeln rein |
Humboldt| von |
Schreiber|
allen Anzeige-Buchstaben gebe, daß man nicht einen Buchstaben, der nur unter
gewissen Umständen eintritt, der Wurzel selbst gebe, und dadurch die
Nothwendigkeit einer neuen Regel herbeiführe, ist vollkommen auch meine Meinung.
Dann aber wäre
Bopps
r 94b wieder
sehr zu tadeln.
In etwas, das bei
Bopp hier noch zum Grunde liegt, bin ich mit
ihm verschiedener Meinung. Er betrachtet, wozu freilich auch
Colebrooke Anlaß giebt, die Wurzeln als
grammatische Abstracta. Ich hingegen halte sie für
uralte Grundwörter, die aber in der ganz flectirten Sprache, als solche,
verschwinden. Höchstens möchte ich zugeben, daß die Grammatiker, welche sie
(wenige Fälle ausgenommen) allerdings blos als wissenschaftliche Hülfsmittel
brauchten, |Humboldt|
sie |
Schreiber| von gewissen Nebenlauten
befreiten oder sonst Lautveränderungen mit ihnen vornahmen, um sie zu durchaus
lauteren Quellen aller aus ihnen entspringenden Formen zu machen. Ich suche
daher immer nach dem Erscheinen dieser Wurzeln in nicht-Sanskritischen Asiatischen Sprachen, und habe wohl Einiges, aber nicht
Vieles bisher gefunden.
Wie aber Ew Hochwohlgebohren sagen können, daß
Wilkins schon über den Punkt des
n, was wahr und vernünftig sei, genügend
enthalte, begreife ich nicht, ich müßte denn eine Stelle bei ihm ganz übersehen
haben. p. 130. r. 160 |Humboldt|
sagt er bloß |
Schreiber| was ganz unvermeidlich
ist, wenn man Wurzeln mit |
Humboldt|
{ṇ} |
Schreiber| beginnen läßt, und
p. 35. r. 60. scheint er ganz vergessen zu haben,
daß er p. 29. r. 35.b. viel
bestimmter schon dasselbe festgesetzt hatte. Die Regel von der Verwandlung des
Anfangs |
Humboldt|
{n} |
Schreiber| der Wurzeln kann ich,
aller angewandten Mühe ungeachtet, gar nicht bei ihm finden. Vergleichen Sie
damit nur
Bopps
r. 94.a.b. S.
62.
Schwerlich kann man glauben, daß
Wilkins die hier zur Sprache kommenden
Regeln klar vor sich hatte, wenn man sein Motto auf dem
Titelblatt liest, wo man doch nicht gleich mit Druckfehlern anhebt. Oder irre
ich mich, daß man |Humboldt|
{bhrameṇa} |
Schreiber| schreiben müßte? Er
erwähnt, zwar r. 35b nicht,
daß auch ein dazwischen tretender Lippenlaut die Verwandlung nicht aufhebt,
allein
|
Humboldt| Carey |
Schreiber| sagt es ausdrücklich, und
Wilkins druckt selbst p. 643. r. 1297. |
Humboldt|
{rāmeṇa} |
Schreiber|. So bleibt also der auf
Wilkins allein reducirte Schüler, wenn er
|
Humboldt| Regel |
Schreiber| und Beispiele seines Führers
vergleicht, gleich ungewiß über das was eigentlich richtig ist. Solcher Fälle
giebt es viele in
Wilkins, ich hebe nur diesen heraus, weil Ew
Hochwohlgebohren ihn grade hier loben. Ich ehre gewiß
Wilkins Verdienste.
Bopp konnte ja systematischer sein, da er
ihn vor sich hatte. Aber
Bopps Grammatik gegen die von Wilkins herabzusetzen, kann ich nicht für frei von
Partheilichkeit halten.
Die Umstellung der Personen scheint mir eine höchst gleichgültige Sache. Bopp hat keinen andern Grund dazu gehabt, als die Sanskrit-Grammatik der Griechischen gleich zu machen, was mir wenn man einmal über diese Kleinigkeit sprechen will, beifallswerth scheint. Die Thatsache, daß die Indischen Grammatiker es anders machten, läßt sich durch eine allgemeine Anmerkung erhalten.
Den Gründen, die Ew Hochwohlgebohren für die Indische Stellung
|Humboldt| anführen|
Schreiber|, kann ich nicht beistimmen. Es ist allerdings
so, wenn man in der Sprachphilosophie nur Logik sieht, im Verbum nur eine Copula. Dies ist aber nun lange genug geschehen. In der
Philosophie, welche die Eigenthümlichkeit des Unterschiedes zwischen Logik und
aus der lebendigen, schöpferischen und begeisterten Natur der Sprache
geschöpfter Theorie unterscheidet, steht grade das |
Humboldt| colloquiale |
Schreiber| Verhältniß oben an. Davon liegt auch
eine Andeutung im Pronomen aller Sprachen. Der Takt der Griechischen Grammatiker
scheint mir also hier tiefer eingegangen zu seyn. Doch läßt sich in diesen
allgemeinen Gründen ewig hin und her streiten, weshalb ich in solchen Dingen
nicht viel auf sie gebe.
Ich möchte aber glauben, daß die Indischen Grammatiker einen andern spezielleren Grund gehabt hätten. Sie stellten die Person im Schema zuerst, die sie überhaupt und oft allein anführen wollten, um die Flexionsart des Verbum zu zeigen. Dazu taugt aber die 3. sing. im Sanskrit mehr, als die erste, theils weil diese oft Vocalverlängerung hat, die in der Mehrzahl der Beugungen nicht ist, theils weil die unmittelbare Anschließung des dumpfen Zahnlauts an den Wurzelconsonanten mehr und schwierigere Verwandlungen hervorbringt. Darum billige ich Rosens beständige Anführung der 1. pers. sing. gar nicht. Die Stellung im Schema hängt damit nicht nothwendig zusammen.
Ew Hochwohlgebohren anhaltendes Studium des
Panini freut mich ungemein. Wäre es nicht
|Humboldt|sehr |
Schreiber| schön, wenn Sie alle Stellen anmerkten
die vom Sprachgebrauch der
Vedas handeln? Man könnte sie dann in
|
Humboldt| Ein |
Schreiber| Corpus vereinigen.
|Humboldt| Eine |
Schreiber| höchst merkwürdige Stelle in Ihrem
Briefe ist mir die gewesen, wo Sie sagen, daß aus den Grammatikern
unwidersprechlich erhelle, daß in ihrem Lande und zu ihrer Zeit das Sanskrit selbst von den untersten Volksklassen correct
gesprochen worden. Hierüber sollten Sie vor Allem einmal etwas schreiben. Die
Engländer nahmen, wie man aus den Asiat.
Untersuchungen sieht, an, daß
das Sanskrit nur bis zu den drei ersten Kasten
hinunterging, und scheinen in den untersten das Pracrit
zu finden, was die Sanskrit-Schriftsteller einmischen.
Dies kam mir wahrscheinlich vor, weil die mehrsten Sprachen Süd-Asiens einen höheren, gebildeten Dialect neben einen |sic|
|
Humboldt| Volks |
Schreiber| Dialect haben. Vielleicht gelten aber diese
Annahmen der Engländer nur von einer späteren Zeit, als die von
Panini oder von den Grammatikern war,
welche
Panini
benutzte.
|Humboldt| Ich kann diesen langen Brief nicht abgehen lassen,
ohne einige Worte noch selbst hinzuzufügen. Ich bin von Ew. Hochwohlgebornen
Theilnahme an dem unglücklichen Ereigniß überzeugt, das mich betroffen hat. Es
hat mich nicht allein tief erschüttert, sondern mich in eine Stimmung versetzt,
die mich nur zurückgezogene Einsamkeit suchen läßt. Es giebt kaum irgend etwas
im inneren Leben, das nicht durch ein so gewaltsames Zerreißen eines
langjährigen beständigen Zusammenlebens auf das schmerzlichste in jedem
Augenblick berührt würde. – Ich freue mich unendlich Ew. Hochwohlgebornen
dauerhafter Gesundheit und rüstiger Arbeitslust. Möge Ihnen beides noch recht
viele Jahre ungeschwächt und ungestört bleiben!
H.
Tegel, den 16. Junius, 1829.
Fußnoten
- a |Editor| Oben rechts in das Handschrift Schlegels: vom 16ten Jun. 29.
- b |Editor| Autor der Rezension war schließlich Christian Lassen (1830): Ueber Herrn Professor Bopps grammatisches System der Sanskrit-Sprache. In: Indische Bibliothek 3, Heft 1, S. 1–113.
- c |Editor| Leitzmann S. 231 gibt für die Devanagari-Stelle nur Auslassungspunkte.
- d |Editor| Ergänzt aus der Kustode.
- e |Editor| Leitzmann S. 236: Vopadeva.