Franz Bopp an Wilhelm von Humboldt, 00.07.–01.08.1829 (Entwurf)
[a] <(Ueber Historische Sprachforschung.) [Entwurf.][b]>
Ew. Exc. beehre ich mich hiermit d. 18. Bog. nebst der 1. Conj.-Tabelle zu
überschicken nebst dem so eben gedruckten 20. Bog. und dem der Tabelle zu r. 239[c]. Die Pronominal-T. ist
noch nicht gedruckt. – Ich bin Ew. Exc. sehr verbunden für Ihre Bemerk. über die
besprochene Regel. Ich gebe zu, daß ich in R. 300b, um
allen Anstoß zu vermeiden, noch hätte einfügen können ex mea
sententia. Allein ich muß auch gestehen, daß ich von nichts eine
festere Ueberzeugung habe, als von der Richtigk. der Ans., daß die Vertheilung
in verstärkte und reine Formen von dem Einfluß der Endung ... und ich hielt mich
darum für berechtigt, die Sache als keinem Zweifel unterworfen darzustellen.
Gerne gebe ich aber zu, daß ich mich hierin wie in vielen anderen Sätzen meiner Gramm. vielleicht irre, und ich habe um so mehr
Grund Mißtr. in meine Ansicht zu setzen, als Ew. Exc. nach gründlicher und
besonnener Prüfung und der vielseitigsten Verfolgung des sogenannten
Gewichts-Mechanismus des Sanskr. die Ansicht hegen, daß man die Sache nicht als
entschieden ansehen könne. – Da die englischen Gramm., und ich glaube
hinzusetzen zu dürfen auch die Indischen, die Formen bloß hinstellen, ohne
irgend Gründe anzugeben, oder Betrachtung darüber anzustellen, auf welchen
natürlichen Gesetzen diese Formen beruhen, warum sie so und nicht anders lauten:
so ist das was ich in meiner Gr. von Gründen oder
Gesetzen der Spracherscheinungen sage, immer so zu verstehen, daß dies meine
Ansicht sey, daß ich durch meine Beobachtung des Entwickelungsgangs der Sprache
zu dieser Ueberzeugung gelangt bin, in der ich mich jedesmal irren kann, und die
ich gerne anderer unbefangener Prüfung überlasse. Ich stelle z. B. geradezu das
{y}
(y) in
yuyam und
bhavêyam als euphonische Einschiebung,
obwohl dies nicht die herkömmliche Meinung ist, und in den indischen Gramm.
selbst schwerlich irgend eine Meinung über diesen Gegenstand herrscht, weil sie
die Formen so nehmen und geben wie sie sind und nicht ergründen wie sie
entstanden sind. Vom historischen Wege glaube ich mich in meiner Gramm. nicht zu entfernen, weil ich die Formen immer so
gebe, wie sie überliefert sind, od. in Schriftst. sind, und sie nicht meiner
Theorie anbilde, sondern im Gegentheil meine Theorie auf die vorhandenen
überlieferten Formen stütze. Unter historischer Sprachforschung ist doch wohl
diejenige zu verstehen, die eine Sprache durch alle ihre Zustände soweit hinaus
als möglich verfolgt, und auch die Seiten-Linien, d. h. die stammverwandten
Dialekte stets im Auge <hat>[d], die oft wichtige
Aufschlüsse über das relative Alter einer Form geben (und) Zeugniß ablegen, ob
eine Form wohlerhalten oder verst<ümmelt>[e]. Wo die
eigentliche Erforschung der Sprache (das Streben nach Begreifung) anfängt, die
doch auch wichtig für das Historische ist, haben wir <in>[f] den Grammatiken,
die das rein Positive geben, keinen Haltpunkt mehr. Ob Gegenstände, die ich in
meine Gramm. ziehe, in ein Lehrbuch gehören, ist
eine andere Frage. Da das Sanskrit-Studium seine Hauptwichtigk. in der Sprache
selbst hat, und von den Meisten in dieser Beziehung betrieben wird, so scheint
es mir auch beim Sanskrit mehr als bei irgend einer anderen Sprache (ein
Bedürfniß) nothwendig oder wünschenswerth, in ein Lehrbuch, das doch zunächst
für Sprachforscher bestimmt, Gegenstände der höheren Sprachw. hineinzuziehen; es
scheint mir nothwendig (soweit es ohne zu weitläufige Erörterungen geschehen
<kann>[g]) die Behandlung
einer Sprache so einzurichten, daß man daraus ersieht, daß es einem (dem Verf.)
nicht (blos) darum zu thun ist, die Schriftsteller einer Nation zu verstehen (zu
lesen), sondern daß man den Organismus einer Sprache (den
Entwickelungs<gang>[h]) um seiner selbst
willen darstellen will.
Es sollte mich freuen, wenn Ew. Excell. dies Ziel (Tendenz), welches bei Abfassung meiner Gramm., besonders der lat. immer vor Augen stand, nicht misbilligen.
Da in sprachwissensch. Dingen niemand mit dem Grade der Schärfe und Besonnenheit untersucht und prüft wie Ew. Excell., so ist mir von Ihrer Seite geringer Beifall … ich werde vielleicht Gelegenheit …, meine Ansichten hierüber in der Folge ausführlicher zu entwickeln.
Ew. Excellenz interessiren sich für den Gebrauch des so seltenen Conditionalis. Eine Stelle aus dem Atharvav., die mir kürzlich wieder in die Hände gefallen ist, wird Ihnen daher nicht unwillkommen. Es steht darin der Condit. einmal mit und einmal ohne Aug<ment>[i].
nâ ’ham imam (purusham̃) vêdayady aham̃ imam̃ vêdishyam̃ katham̃ tê nâ ’vaxyam.
Fußnoten
- a |Editor| Dieser Entwurf gehört zum von Bopp an Humboldt versandten Brief vom 1. August 1829.
- b |Editor| Einfügung Lefmann.
- c |Editor| Lefmann hat die Stelle mit [?] als unsicher gekennzeichnet.
- d |Editor| Einfügung Lefmann.
- e |Editor| Einfügung Lefmann.
- f |Editor| Einfügung Lefmann.
- g |Editor| Einfügung Lefmann.
- h |Editor| Einfügung Lefmann.
- i |Editor| Einfügung Lefmann.