Wilhelm von Humboldt an Franz Bopp, zwischen 19.02.1833 und 30.03.1833 (Mattson)
Ich danke Ihnen ausnehmend, theuerster Freund, für Ihre gütigen Bemerkungen, die ich jetzt durchzugehen beschäftigt bin und für das Ende Ihrer vortrefflichen Schrift.
Die Thatsache der neutralen Plurale von Singularen andren Geschlechtes, auf welche Sie mich
aufmerksam machen, gehört zu den größesten Merkwürdigkeiten, die eine Sprache
darbieten kann. Wenn ich Ihre Anmerkung recht verstehe, so kann man von
demselben Nomen, wenn dies ein Maculinum |sic| ist, einen doppelten Plural machen, einen männlichen und einen sachlichen und so geschieht
dies wirklich, nur daß die sachlichen das Uebergewicht haben. Der von Ihnen sehr
scharfsinnig bemerkte Grund ist gewiß auch der richtige, und ich glaube hier
bemerken zu können; daß, |Humboldt| wenn |
Schreiber| einige Sprachen, welche in dem Verbum das Geschlecht in der dritten Person unterscheiden, dies
|
Humboldt| alle |
Schreiber| auch nur im Singular, nicht im Plural thun. Ich sage dies zwar jetzt nur aus dem Gedächtniß glaube
aber nicht mich zu irren, und einige Aehnlichkeit liegt offenbar in dem Fall. Um
aber zum Zend zurückzukehren, so kommt es sehr darauf an, ob man diese Plurale wirklich als neutra oder nur als eine andere Form der Nomina überhaupt betrachtet. Ein kleines Bedenken erregt mir, daß,
wenn ich die Sache recht verstehe, masculine Adjectiva
können mit neutralen Pluralen, wenn der Singular ein Maculinum |sic| ist, verbunden werden. Dies scheint wirklich
anzuzeigen, daß man jene Plurale, ihrer neutralen Form ungeachtet, doch wie Masculina behandelt. Sie fühlen gewiß, was ich sagen will. Der feine,
aber hier sehr wichtige Unterschied liegt darin, ob man in subtilem, aber
richtigem Bewußtsein bei der Mehrheit die lebenden Geschlechter in das sachliche
hinüberführt, oder ob man in Verkennung und Vernachläßigung des wahren
Geschlechts-Unterschiedes den formloseren Endungen des neutralen Plurals über sein Gebiet hinaus Geltung giebt? Beides
kann in verschiedenen Zeiten, das letztere offenbar in späterer geschehen sein.
Auch kann sich beides so vereinigen, daß man sich die Ausdehnung der bequemeren
neutralen Form, aus dem von Ihnen bemerkten Gefühle,
gerade nur im Plural erlaubt, nicht darum die Zahl der
neutra im Singular vermehrt
hat. Loben könnte ich übrigens die Sache doch nur sehr bedingt. Durchaus richtig
ist sie nicht zu nennen. Denn nicht die Persönlichkeit überhaupt mit ihrem
Geschlecht, sondern nur die einzelne Persönlichkeit tritt in der Mehrheit
zurück. Wenn beide Geschlechter in ihr vereint sind wie in Menschen, so ist dies im Grunde auch schon im Singularis derselbe Fall. Geht man aber auch hierauf
nicht ein, so wäre die Sache doch nur in derselben Art zu loben, als man die
Unterdrückung alles Geschlechts Unterschiedes bei
|
Humboldt|
geschlechtlosen |
Schreiber| Sachen
philosophisch nennt. Es hat mir dies immer ein falscher Grundsatz geschienen.
Die Sprachen gewinnen durch diese Geschlechtslosigkeit nichts, verlieren aber
sichtbar an Anschaulichkeit und an deutlicher und zierlicher Gliederung der
Construction.
In Ihrer Vorrede haben Sie, bester Freund, sehr gut auseinandergesetzt was derjenige eigentlich leisten sollte welcher eine Sprache lehrt. Gar nicht, damit die Zöglinge mehrere Sprachen lernen, sondern damit sie Griechisch oder Lateinisch besser und leichter lernen ist ein vergleichendes Sprachstudium nothwendig. Es muß aber allerdings in die rechte Epoche des Lernens fallen. Denn die Leichtigkeit des Verstehens und Schreibens giebt es nicht, führt eher davon ab. Der Zögling muß also lange den Stoff bloß als Stoff behandeln. Er kann ihm aber schon besser zugerichtet gegeben werden und darin liegt eben die Kunst die man auf den bisher eingeschlagenen Wegen nicht erlernt. Ihre neue Schrift muß es jedem anschaulich machen daß Sie bei weitem mehr auf Ihrem Wege für das allgemeine nützliche Sprachstudium leisten als bloß durch gelehrte Bearbeitung von Texten geschehen kann.
In Marsdens Malayischem Wörterbuch steht
yogīa mit der
Englischen Erklärung
ought,
behoveth,
proper,
expedient, und mit der Bemerkung, daß
das Wort Arabisch sei. Giebt es wirklich ein solch Arabisches Wort? Wäre das
vorletzte
i nicht lang, so würde ich es für das
Sanskritische
yôgya halten. Die Arabische Schreibung ist
nämlich {
}.
|

Humboldt