Franz Bopp an Wilhelm von Humboldt, 29.06.1822
|272r| Eurer Excellenzgnädiges Zuschreiben welches ich vor 8
Tagen
erhalten, ha würde ich sogleich beantwortet haben,
wenn ich mich nicht vorher nach einigen neuen Beispielen hätte umsehen wollen,
in welchen das Gerundium auf {tvā},
als betrachtet passivische Bedeutung haben müßte. Sie sind nicht sehr häufig,
aber um so mehr muß man sich Glück wünschen wenn man eines findet, weil sie zum
Beweise der Sache von großer Wichtigkeit sind. Es freut mich recht sehr zu
erfahren daß Ew Excellenz eine Bearbeitung dieses Gegenstandes bald vollendet
haben, und ich wünschte daß Hochdieselben |272v| deren Beförderung zum
Drucke nicht lange verschieben möchten, um dieselbe gemeinnützig zu machen.
Ich glaube selbst daß man den Ursprung der Form auf
tvâ nicht vollkommen beweisen könne, es
gibt überhaupt in der Grammatik manche Gegenstände worüber man eine Ansicht
hegen kann, die <man> niemals ** mit unumstößlichen Gründen darzuthun im Stande ist. Vieles spricht
dafür daß
tvâ eine Instrumental-Endung sey, die Form
auf {ya} ist aber freylich
geeignet um eine durch viele Gründe gewonnene Ueberzeugung etwas zu erschüttern.
Es besteht allerdings einige Analogie zwischen dem Gerundium auf
{ya} und dem participium auf
{ya}, in
Bedeutung dem Lateinischen auf
ndus entsprechend. Die Analogie ist jedoch
nicht durchgreifend,
{kṛ} z B hat im Gerundium *
{kṛtya} und ebenso in
besagtem part. oder auch
{kārya}, aber
{ci} hat im Gerund.
{citya} und im part.
{caya},
{dā} hat im Ger.
{dāya}
und im part.
{deya},
{bhū} hat
{bhūya} und im part.
{bhavya} etc – Man könnte die
gerundia eintheilen |273r| in solche woran <*> die CasusEndungen zu erkennen sind
deren Verhältnisse sie ausdrücken, wie im Lateinischen
di,
do,
dum und wahrscheinlich im Sanskrit
{tvā}, und in solche die
ein Casusverhältniß ausdrücken ohne daß man die entsprechende Endung erkennen
kann. Hierzu wäre die Form auf
{ya} zu nehmen, im
Latein. der Infinitiv (Ew Excellenz halten nach meiner Ueberzeugung mit Recht
das Gerund. und Supin. für eine
Art von Infinitiv), welcher meistens ein AccusativVerhältniß ausdrückt, zuweilen auch denn |sic| Nom. aber
niemals den Genitiv, denn hier tritt das Gerund. auf
di ein – und doch ist weder ein Accusat. Charakter noch das Nomin. Zeichen am Infinitiv
zu erkennen. Auf dieselbe Weise ist an Adverbien zum Theil
eine <die>
Casusendung zu erkennen dessen Verhältniß sie ausdrücken, zum Theil
nicht
Es könnte lange dauern biß wir ein 2tes Beispiel wie {dūramapavāhya}
{nṛpātmajau} finden, in welchem
aber das regierte Wort der Form nach nicht auch |273v| der Nominativ
seyn <könnte>. Ich habe das 2te und einen großen Theil des 3ten Buchs
des
Hitopa. in dieser Absicht durchlesen und
kein passendes Beispiel gefunden, doch traf ich ein Beispiel wo das Geru. als Partizip betrachtet passivirte Bedeutung haben
müßte. Leider haben mir Treuttel u Würz statt der
Londoner Ausgabe des Hito. die
Colebrookische geschickt, welche ich jetzt
doppelt besitze, ich kann nun Ew Excellenz die Seite nicht angeben. Es befindet
sich in der 5ten Fabel des 2ten Buches, in der Serampurer
Ausgabe auf der 20ten Seite vom Anfange des 2ten Buchs an gerechnet,
in einem großen Stück Prosa welches mit den Worten anfängt
{rājāha}
{kathametat}
{damanakaḥ}
{kathayati}. Das Beispiel
heißt:
{tataḥ}
{saṃjīvaka}
{ānīya}
{darśanaṃ}
{kāritaḥ}
Hierauf wurde Sanjivaka, nach Herbeyführung <zu>
sehen veranlaßt (actionem videndi
facere factus est) dh er wurde dem König vorgestellt, es
wurde ihm der Anblick des Königs vergönnt. Als Partizip müßte man |274r|
übersetzen: hierauf wurde Sanjîvaka, herbey geführt, zu
sehen veranlaßt.
Wilkins übersetzt umschreibend: Damanaka and Karâttaka brought Sanjîvaka and introduced him
to the lion – Vielleich |sic| las er {saṃjīvakaṃ}.
{saṃgrāmajidvidvān} sind 2 Nominative.
{saṃgrāmajit} und
{dharmmabhat} sind durch das
sogenannte Suffix
kvip gebildet (Wilkins p. 458 Reg.
805).
Ich fühle mich fest überzeugt daß das Partizip. auf {ta}
bloß bey verbis neutris aktivirte Bedeutung
<habe>, diese verba haben aber zuweilen das
Ansehen von eigentlichen aktiven z B
Nalus p. 102. sl. 74
{tulyatāṃ}
{prāptā} Gleichheit erlangt
habend – eigentlich in Gleichheit gegangen
seind <seyend>. p. 126 sl 28
{vyuṣṭā}
{rajanī} die Nacht zugebracht
habend – eigentlich gewohnt habend. Die Art wie Schlegel
{ṛte}
{tāṃ} erklären will
scheint mir sehr gezwungen und unbegreiflich. Ich kann nicht glauben daß
{i}
{iṣṭa},
{hata},
{ṛta} jemals sehend,
tödtend, nehmend |274v| bedeuten könne. Es gibt Präpositionen welche den
accusat. regieren, wie es deren gibt die den
Instrument. regieren, z B
{vinā} ohne, z B
{tena}
{vinā} ohne diesen. Ich
wünschte daß Schlegel im
3 <4ten>
Heft seine Ansicht über die Präpositionen etwas ausführlicher
entwickeln möchte. Er ist sehr kühn und voll Zuversicht in seinen Behauptungen,
ich sah mich daher
verl <veranlaßt>
in einer Rezension des 2ten und 3ten Heftes
seiner Bibliothek ihm manches zu widersprechen was
ich aber mit Anführung vieler Gründe gethan habe. Ich hoffe daß diese Rec. jetzt in Göttingen unter der Presse ist, und ich bin auf das
einsichtvolle Urtheil Eurer Excellenz sehr begierig, in Bezug auf die Fälle wo
<ich> anderer Meinung als Schlegel bin.
Ich arbeite jetzt fleißig an einer SanskritGrammatik und werde mir die Freyheit nehmen vor meiner FerienReise Eurer Excellenz einige Kapitel zu zu schicken, da Ew Excellenz die Gnade hatten |275r| mich Ihrer wohlwollenden Theilnahme an dieser Arbeit zu versichern und da ich ein großes Gewicht auf den Rath lege, womit Hochdieselben mich bey diesen Untersuchungen unterstützen könnten. Ich habe die Casuslehre ganz in allgemeinen Regeln durchgeführt, ehe ich zu der besonderen Deklinations-Eintheilung geschritten, in den bestehenden Grammatiken hat man wie mir scheint zu sehr vernachläßigt auf die Bande aufmerksam zu machen, was das anfänglich verschieden scheinende an einander knüpft.
Der Apparat für die Sanskrit Typen ist seit geraumer Zeit hier angekommen
An meiner Wahl zum Mitglied der Akademie haben Ihre Excellenz wahrscheinlich noch Theil genommen. Ueberhaupt glaube ich daß ich in dieser Beziehung Eurer Excellenz besonderen Dank schuldig bin. Die Nachricht über eine so ausgezeichnete mir zu Theil gewordene Ehre war mir recht erfreulich. Ich hoffe daß es mir in dem weiten Gebiete der Sprachforschung an interessantem Stoff zu Abhandlungen nicht fehlen werde. |275v| Die Littauische Lettische und Altpreußische Sprache haben mich seit einiger Zeit besonders in Anspruch genommen, und ich denke es zu versuchen in einer Abhandlung deren Verwandschaft zu dem Sanskrit auseinander zu setzen.
In tiefster EhrerbietungEw Excellenz
Unterthäniger
Bopp
Berlin den 29ten Juni 1822