Wilhelm von Humboldt an Franz Bopp, 00.06.1822 (Datierung unklar)
|1*| Ich sage Ew. Wohlgebohren meinen aufrichtigsten u. lebhaftesten Dank für Ihr gütiges Schreiben vom 13. v. M. Ich beantworte es heute nur mit einigen Worten, die ich indeß vor einer längeren Antwort vorausgehen lassen möchte.
Ich habe nemlich, durch Ihre Güte aufgemuntert, einen Aufsatz über die Formen in {tvā} u.
{ya} angefangen, u.
beinahe beendigt. Im Laufe des nächsten Monats hoffe ich eine Gelegenheit zu
finden, ihn Ihnen zuzusenden. Das Resultat ist, wie ich es vorher ahndete, daß
ich auch diese Formen für Gerundivformen halte. Was die
Erklärung derselben für einen Instrum. betrifft, so halte ich dies eher für eine
Behauptung, für die sich viel sagen läßt, aber die es doch vielleicht kaum
möglich seyn wird, ganz zu beweisen. Die Form in
{ya}
tritt sehr in den Weg. Es ist erstlich da zu erwägen, daß es doch eine zweite
Hypothese ist, daß hier der Vocal verkürzt worden ist.
Dann kommt die Aehnlichkeit dieser Form mit der des sogenannten part. fut. pass. (was auch ein Gerundium ist) dazu. Endlich warum sollten die mit Praepositionen verbundenen Wurzeln gerade Verbalia in
{i} bilden, u. warum ist
nun nicht derselbe Unterschied beim Infinitivus?
Wüßten Ew. Wohlgeb. überhaupt gar keine Art von Wahrscheinlichkeit anzugeben, warum die mit Praepositionen verbundenen Wurzeln eine andere Behandlung erfahren? Bei der Bildung des part. fut. pass. kommt dieser Unterschied, jedoch auf keine hierher |2*| passende Weise zur Sprache. Dann noch hie u. da, wo es auf Buchstabenänderungen ankommt? Aber einen andern so wichtigen analogischen Fall erinnere ich mich sonst in der Sprache nicht.
In der Bestimmung der Natur der Formen ist der wichtigste Punkt, ob man kann
dieselben bald passiv, bald activ nehmen. Ich glaube das nicht, u. trete ganz Ew. Wohlgeb. Meinung
hierin bei. Um aber hierin ganz sicher seyn zu können, wäre es ungemein wichtig,
eine Stelle wie die
Ramayana.
B. 1. Abschnitt 1. sl. 61. {tena}
{māyāvinā}
{dūramapavāhya}
{nṛpātmajau} zu finden, wo das
regierte Wort bestimmt N nur Nominat. oder Accusat. seyn könnte. Eine, in
der es Nominat. wäre, glaube ich, kann es nicht geben.
Aber eine, wo es gewiß Accus. wäre, würde überzeugend
seyn.
Bei der Schwierigkeit, mit der ich noch lese, darf ich nicht hoffen, solche Entdeckung zu machen. Aber sehr wünschenswerth wäre es, wenn Ew. Wohlgeb. einmal eine Nachsuchung nach solcher Stelle anstellten.
Von
Schlegel habe
ich neuerlich einen langen Brief. Ich griff
ihn darüber an, daß er die abgesonderten Präpositionen
p. 332.
seiner Bibliothek 3. Heft wegläugnet. Er sagt, er habe dies nur als
Regel gesagt, und sich auf die Ausnahmen nicht einlassen wollen. Indeß will er
auch jetzt nur gelten lassen solche, die sonst inseparable sind {prati},
{ā} u. s. f. Die Adverbia oder wie man sie
nennen will, erklärt er anders.
{saha} z. B. etwa
{kṛte} u. andere. Bei
Gelegenheit von
{ṛte} sagt er:
{ṛte}
[a]
{tāṃ} fasse ich wie: diese
ausgenommen, hanc excipiendo. Hier ist ihm also das Part. praet. od. pass. activ.
Denn er giebt
{ṛ} hier eine active Bedeutung, die es auch |3*| wohl
bisweilen hat. Es ist daher u. in vieler andren Rücksicht sehr wichtig, wohl
festzustellen, welches eigentlich die Bedeutung dieser participien ist?
Wilkins 690. u. 735. widerspricht sich beinahe. Allein ich
erkläre die letzte Stelle nach der ersten u. nehme diese, als seine wahre
Meynung an, so daß diese participien bei Verbis activis immer passiv
sind, dagegen bei intransitiven Verben, trotz ihrer
passiven Form, oft activ. Allein ich fürchte immer, daß
andere, mehr Belesenere, mir Stellen, wie ein Medusenhaupt, entgegenhalten.
Sollte es nun wohl Stellen geben, wo
{dṛṣṭa},
{ṛta},
{hata}, sehend, raubend
oder nehmend, schlagend od. tödtend heißen? Hiernach nun kann ich
Schlegels Erklärung nicht
beistimmen. Indeß ist unläugbar der Accus. hier
wunderbar. Natürlich wäre entweder Verbindung des Worts im stat. absol. mit
{ṛte} oder Stellung des
Worts in den Locativus, oder in den Genitivus. Wie erklären Ew. Wohlgeb. diesen Accusativus? Mir scheinen diese Adverbia oder
Substantivirten Adjectiva eigentlich die Uebergänge
zu den eigentlichen Praepositionen?
Endlich muß ich Ew. Wohlgeb. noch um eine Auskunft bitten, die gewiß große
Unwissenheit von mir verräth, aber ich bin gewohnt, Ihnen einmal solche
Geständnisse zu machen.
Nalas.
XII. 18 a. kommt {maṃgrāmajidvidvān}
an <vor>, wo das
erste Wort doch
{maṃgrāmajit} im stat. absolut. heißen muß. Ferner XII. 93.
{dharmma}
{bhṛtāṃ}, das ein Gen. plur. ist, u. also auch auf einen Nominat. in
{t} hindeutet. Nur finde
ich solche Formen von diesen Wörtern in
Wilson gar nicht, u. auch in
Wilkins keine
kridhanta Suff. in
{t}. Beide Wörter haben
eine active Bedeutung, Sieger im Krieg, Stützer des
Rechts. Haben Sie doch die Güte mir zu sagen, wie ich diese Formen aufsuchen u.
bilden muß.
H.[b]
|4* vacat|