Heft 21 - Martina Franzen und Peter Weingart: "NO NATURE - NO IMPACT"


Wissenschaftliches Publizieren ist nicht mehr das, was es einmal war. Diese Erfahrung machte im vergangenen Jahr Jörg Klewer*, die Personifizierung des neuen Typs des dynamischen, international orientierten Nachwuchswissenschaftlers. Um eine der begehrten Postdoc-Stellen im führenden biomedizinischen Labor des Landes zu bekommen, galt es die Ergebnisse seiner Dissertation bestmöglich zu platzieren. Es sollte sein erster Artikel in einer international sichtbaren, hochrangigen Zeitschrift sein, denn die Institutsleitung ließ keinen Zweifel daran: Zukünftige Karrierechancen und Gehaltszulagen gab es seit der letzten Evaluierung durch den Wissenschaftsrat nur für Publikationen in Zeitschriften mit hohem Impact-Faktor (IF). Sie folgte damit dem internationalen Trend im Allgemeinen und dem Exzellenzregime der Wissenschaftspolitik im Besonderen. Auf EU-Ebene wird, das wusste Klewer, an Listen gearbeitet, die die Zeitschriften in ein Ranking nach ihrem IF brachten. Nur Publikationen in den Top-Zeitschriften sollen überhaupt noch in den Evaluierungen berücksichtigt werden. Es bestand für ihn daher keine Wahl: Er musste im ersten Schritt versuchen, seinen Artikel in Science, Nature oder Cell unterzubringen. Nature erschien ihm am besten geeignet, ihr IF liegt bei fast 29, und der Slogan "No Nature, no Impact" auf den Werbeprospekten kündete von protzigem Selbstbewusstsein. Abschreckend ist zwar die Akzeptanzquote von 8 Prozent, dachte er, aber bei den anderen beiden Zeitschriften ist diese nicht günstiger.

Wie aber sollte er angesichts solch überwältigender Konkurrenz die Aufmerksamkeit der Redakteure für seinen Artikel erlangen? Klewer verbrachte einen Nachmittag im Internet und suchte nach Untersuchungen über Erfolgsrezepte des Publizierens, Erfahrungsberichte von Autoren, die die Redaktionsrichtlinien der fraglichen Zeitschriften erfolgreich antizipiert hatten. Da sein Projekt öffentlich gefördert worden war, konnte er ohne eine direkte Verbindung zu einem Pharma-Unternehmen weder mit Anzeigenschaltung noch mit einer Abnahmegarantie von Re-Prints bei Redakteuren punkten. Ziemlich naheliegend erschien ihm aber, seine Forschungsarbeit über neuronale Stammzellen als relevant für die Heilung der Parkinson-Krankheit auszuflaggen, auch wenn er dazu nicht direkt geforscht hatte und folglich auch keine Ergebnisse vorweisen konnte. Er stieß zudem auf eine Studie, die belegte, dass Artikel von mehreren Autoren mehr Zitationen erzielten. Er hatte schon eine Idee, wen er außer den Mitgliedern seiner Arbeitsgruppe fragen konnte, als Koautor aufzutreten: Sein Institutschef, Professor Weißhaupt, ließ seinen Namen gern auf Artikel seiner Mitarbeiter setzen, seit er sich selbst unter der Last der Drittmitteleinwerbung etwas aus der Forschung zurückgezogen hatte. Er musste nur, um nicht mit dem Verbot der Ehrenautorenschaften im Kodex der DFG in Konflikt zu geraten, mit ihm seine Ergebnisse diskutieren und seine Reaktionen formal als Beitrag zum Artikel erklären.

Eine weitere Maßnahme, um die Chancen des Artikels zu erhöhen, wurde von der Institutsleitung selbst vorgeschrieben. Sie hatte - zusammen mit anderen Instituten - im vorigen Jahr eine Offerte der Pharmaindustrie aufgegriffen, die seit einiger Zeit auf die Dienste eines Schreiblabors setzte. Dort saßen Profis aus der Medien- und PR-Szene, deren Aufgabe es war, die trockenen Texte der oft ohnehin nicht sehr wortgewandten Naturwissenschaftler so zu gestalten, dass sie das Interesse nicht nur der Kollegen, sondern auch der Journalisten finden würden. Schließlich waren Zeitschriften wie Nature und Science längst zu Massenmedien mutiert, die von Wissenschaftsjournalisten in aller Welt gelesen werden und die diese laufend mit brandheißen Meldungen, die mit einer Sperrfrist versehen sind ("embargoed news"), beliefern. Die Kriterien der Darstellung galten für die Schreiblabors inzwischen als eherne Regeln: gefällige Formulierungen, Anbindungen an 'heiße Themen', wo immer möglich, klare Aussagen statt Herumlavieren, selbst wenn dabei mal die Fakten überzogen werden. Spätere Berichtigungen, klein gedruckt, liest dann keiner mehr. Was hängen bleibt, ist der ursprüngliche Paukenschlag.

Während Klewer damit beschäftigt war, seine Daten aufzubereiten - er hatte sich noch zwei Wochen Zeit gegeben -, erfuhr er von einem Kollegen aus Bonn, dass ein Konkurrenzteam dort an Forschungsfragen arbeitete, die sehr nah an seinen eigenen lagen. Die Gefahr, überholt zu werden, erschien ihm zu groß. Trotz einiger verbleibender Interpretationsprobleme entschloss er sich, das Manuskript abzuschicken.

Nature lehnte prompt ab, ohne dass sein Manuskript überhaupt in das eigentliche Begutachtungsverfahren aufgenommen worden war. Vielleicht, so mutmaßte Klewer, hatte Nature in diesem Jahr schon zu viele originäre Forschungsbeiträge veröffentlicht. Das war für die Entwicklung des IF nicht förderlich, wie sich besonders 2005 gezeigt hatte ("the fall of nearly three points on 2004 was primarily due to the increased numbers of published articles"). Erwünscht waren am Ende des Jahres nur noch Reviews. Sie gehen zwar auch in den Denominator der durch Thomson Reuters vorgenommenen Berechnung des Impact-Faktors ein, werden aber durchschnittlich dreimal so häufig zitiert. Ähnliche Überlegungen prägten sicherlich die redaktionellen Entscheidungsprozesse der direkten Konkurrenz, sodass sich Klewer, um einen weiteren Zeitverlust zu verhindern, schließlich an ein neues Journal wandte, das durch einen kontinuierlich steigenden IF Aufmerksamkeit erregte.

Gate Keeper, der Redakteur von Multidisciplinary und zugleich ein alter Studienfreund seines Doktorvaters, der ihm schließlich dazu geraten hatte, entschied, den Artikel in den Review-Prozess zu geben. Die Wahl fiel auf zwei ausgewiesene Experten, einer aus der Biologie und der andere aus der Medizin. Drei Wochen später lagen die Gutachten auf seinem Tisch. Leider kamen sie zu einem divergierenden Urteil. Das bedeutete für ihn zusätzliche Arbeit und zuweilen auch Ärger. Der Mediziner sah grundsätzlich eine therapeutische Relevanz von Klewers Forschungsergebnissen, der Molekularbiologe hingegen hatte auszusetzen, dass noch einige zeitaufwendige Tests fehlten, um die weitreichenden Schlussfolgerungen abzusichern. Keeper überlegte hin und her. Trotz des methodologischen Vorbehalts erinnerte er sich daran, dass biomedizinische Themen immer gut bei den Lesern ankommen und in der Regel höhere Zitationsraten erzielen als andere. Ausschlaggebend war für ihn aber letztlich, dass sich das Thema sehr gut medial vermarkten ließ. Er schickte also den Artikel mit den Anmerkungen der Reviewer zurück an Klewer mit der Aufforderung, diese bei der Überarbeitung zu beachten. Zugleich fügte er die Aufforderung hinzu, Klewer möchte noch einige Artikel aus Multidisciplinary zitieren. "Multidisciplinary presently requests that several references to Multidisciplinary are incorporated in the reference list", las Klewer. Er hatte davon gehört, dass einige Fachzeitschriften zu dieser Politik übergegangen waren, um ihren IF zu erhöhen, doch erlebt hatte er es noch nicht. Nun fragte er sich, ob dies tatsächlich eine Bedingung für die Veröffentlichung war. Die Antwort auf diese Frage kam eine Woche später. Er hatte sein korrigiertes Manuskript mit dem Hinweis auf Interpretationsunsicherheiten angesichts noch ausstehender Tests zurückgeschickt, aber ohne die gewünschten neuen Referenzen. Jetzt erhielt er die Druckfahnen mit der nochmaligen Aufforderung, die entsprechenden Referenzen vorzunehmen. Nun kam er der Aufforderung nach, schließlich lag die Steigerung des IF in seinem eigenen Interesse.

Klewer hatte inzwischen Wind davon bekommen, dass die Konkurrenten aus Bonn ihren Artikel bei Science eingereicht hatten, und informierte Keeper davon in der Hoffnung, zu einer schnelleren Veröffentlichung seines Artikels zu kommen. Keeper reagierte rasch. Er stellte den Artikel online zum kostenlosen Abruf, nachdem der herausgebende Verlag Klewer eine Gebühr von knapp 2500 Euro dafür abgenommen hatte. Mit dem Open-Choice-Modell würde nicht nur die Priorität gesichert, sondern auch eine maximale Verbreitung erreicht, was schließlich der Sichtbarkeit einer Arbeit zugutekäme, so der Verleger. Zuvor hatte Keeper jedoch noch einige textliche Überarbeitungen vorgenommen, um die Datenunsicherheiten zu kaschieren und die therapeutische Relevanz stärker hervorzuheben. Aufgrund des Termindrucks hatte er es allerdings versäumt, Klewer darüber vorab zu informieren, da er mit der Vorbereitung der Pressemitteilung beschäftigt war.

Die übereilte Publikation sollte ihren Preis haben. Schon nach einigen Wochen wurden die in dem Artikel aufgeführten Daten in einem Internet-Blog als nicht reproduzierbar bezeichnet. Es entspann sich eine über mehrere Tage hinziehende Diskussion, in der den Autoren eine Beschönigung der Daten sowie eine sensationsheischende Darstellung vorgeworfen, ja, gar der Fälschungsverdacht geäußert wurde. Zugleich wurde die verantwortungslose Publikationspolitik von Multidisciplinary kritisiert und der Artikel Klewers und seiner Koautoren als Beispiel zitiert. Klewer packte die nackte Angst, als er mit Patientenanfragen überhäuft die Resonanz auf seinen Artikel las, und sah sich bereits an eine Provinzuniversität im östlichen Westfalen verbannt. Er rief Keeper an und wollte wissen, wie er sich gegen die Verdächtigungen schützen könne. Keeper war lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass die Aufregung nur von kurzer Dauer sein würde. "Keep your cool, Clever [er musste ihn so aussprechen, weil er andernfalls Kluer gesagt hätte], just duck it for a few days. Even if your article was wrong, it stimulated a lot of discussion. It’s the attention that counts!"

* Die Namen sind von den Autoren geändert. Die beschriebenen Verhältnisse und Handlungen im Umgang mit ihnen sind alle belegbar.